Sinn und Unsinn der neuen Handicapregelung

Der Präsident des DGV Claus Kobold gab der “Golfpost“ ein für mich sehr bemerkenswertes Interview: “In keinem anderen Land wird das Handicap so gehypt wie in Deutschland“, so Claus Kobold dort. Und weiter: “Ich kann den Leuten nur den Rat geben: Spielt entspannt Golf, genießt das, was ihr auf dem Platz erlebt und macht es nicht am Handicap fest. Weil, wir leben, glaube ich, zu sehr in dem Gedanken, dass das Handicap ein Statussymbol ist und davon müssen wir ganz schnell wegkommen. In keinem anderen Land wird das Handicap so gehypt wie in Deutschland.”

Dies hat mich als jahrelanger Kritiker des hiesigen Golfsystems sehr überrascht und beeindruckt. Fast zur gleichen Zeit erreichte mich der Hilferuf eines mir bekannten österreichischen Golfmanagers, der viele, viele Mitglieder und Clubs vertritt, etwas zu unternehmen, was den vom ÖGV vorgeschlagene Weg zum neuen Handicapsystem betrifft. Aus Angst vor Repressalien, vor allem auch um seine Mitglieder vor Unbill von Seiten des Verbandes zu schützen, traute er sich selber nicht, seine Meinung gegen den Unsinn des ÖGV kundzutun. Sind wir mittlerweile soweit, dass man sich vor dem eigenen Verband fürchten muss? Hier läuft doch was im ganzen System verkehrt! Es kann doch nicht sein, dass sich Clubs und deren Vertreter von der von Ihnen bezahlten und gewählten Interessenvertretung und deren Angestellten fürchten müssen. Ist die Obrigkeitsgläubigkeit in Österreich zu einem Duckmäusertum verkommen?

Wie schon oft von mir beschrieben, von den sogenannten „Golfmedien“ darf man – zum Teil verständlich – keine Kritik erwarten, denn diese sind mehr oder weniger auch auf den guten Willen der Anzeigenkunden angewiesen. Und ich habe in 50 Jahren in der Golfbranche noch nie einen nur annähernd kritischen Artikel gelesen. Außer schönen Fotos ist da nichts.

Was bekommt man für seine Verbandsbeiträge?

Man muss sich doch nur einmal vorstellen, jedes ÖGV-Mitglied oder Club bezahlt hier einen nicht zu geringen Obolus an den Verband. Nun die Gegenfrage: was bekommt man dafür? Der Club, der Betreiber und das Mitglied trägt das volle Risiko der Errichtung und des Betriebes der Golfanlage. Welches Risiko hat da der Verband? Warum muss es eine einheitliche Mitgliedskarte durch den Verband geben? Vollkommen überflüssig. Jeder Club, jede Anlage kann immer noch rein rechtlich selbst bestimmen, wer und zu welchen Konditionen auf der Anlage spielen darf. Es wird Zeit, hier dem Verband Einhalt zu gebieten und sich nicht den ÖGV-Willen aufzwingen zu lassen.

Brooks Koepka, aktuell einer der besten Spieler der Welt, hat sich in einem Interview vor kurzem geäußert, dass er sich in vielen sogenannten Country-Clubs nicht wohlfühlt und viel lieber in Public-Clubs spielt. Der Zwang zu gewissen Etiketten in den besagten Clubs behage ihm nicht.

Fehlende Alternativen

Bei uns gibt es diese Alternativen nicht, da man vom Verband letztendlich alles vorgeschrieben bekommt. Eine Diversifizierung in Privat-Clubs, Semiprivat-Clubs und Public-Clubs , wie schon lange von mir gefordert, ist in unserem System bedauerlicherweise nicht möglich.

Mehr oder weniger wird man als Betreiber einer Anlage zur Mitgliedschaft im Verband und zur Bezahlung der Pflichtmitgliedschaft gezwungen, um die Verbandsmitgliedskarte für die Mitglieder zu bekommen. In Wirklichkeit ist diese Karte aber bedeutungslos. Warum? Einfach, weil jeder Club rechtlich selbst bestimmen kann, wer auf seiner Anlage spielt. Warum also diese einheitliche Karte. Sie ist nur ein Druckmittel des Verbandes. Damit sind wir aber beim jetzt anstehenden Kernthema:

Das neue Handicapsystem!

Auch hier bestimmt der ÖGV wieder, wie es mit dem an sich weltweit ab 2020 einzuführenden Handicap-System weitergehen soll.

Bis auf einige wenige Länder, zu denen auch das ÖGV-Land gehört, schaffen es alle Länder weltweit, das neue, einheitliche HC-System sofort einzuführen, besonders die eigentlichen Hauptgolfländer. Die Begründungen: die Softwareumstellung und die  Umrechnung vom alten auf das neue System brauche Zeit, man wolle keine Benachteiligung von Golferinnen und Golfern durch das neue HC-System, usw. Diese Gründe sind, siehe die Aussage des DGV Präsidenten, eigentlich nicht nachzuvollziehen.

Irgendwie haben die Funktionäre den Sinn und Zweck des Handicaps eigentlich nie verstanden – oder wollen es nicht verstehen. Wenn jemand, sagen wir ab HC 5 und besser, Golf als Leistungssport betreiben will, ist dies etwas ganz anderes, als bei etwa 90 Prozent der Normalgolfer. Diese Unterscheidung ist vollkommen ok, wird aber anscheinend vom Verband nicht verstanden. Man muss aber endlich, siehe DGV-Präsident Claus Kobold, umdenken, was die Wertigkeit des Handicaps angeht. Wenn begriffen wird, dass nur durch dieses System ein Vergleich beim Spielen untereinander möglich ist, muss die Spielstärke den tatsächlichen Begebenheiten entsprechen und nicht dem eigenen Ego dienen.

Voraussetzung dafür ist, dass der/die Spieler/innen dazu angehalten wird, ihre Leistung in Eigenverantwortung aufzuzeichnen. Dies kann jetzt durch das neue HC-System jeder Spieler/in machen. Wenn über diese Möglichkeit in Golferkreisen diskutiert wird, höre sich oft den Punkt, das jeder künftig schwindeln könnte wie er möchte.

Meine Antwort darauf lautet: na und! Was hat er oder sie davon? Diese Möglichkeit hatte man bisher auch, sogar oft mit Hilfe von getürkten Turnieren, wie mir bekannt ist, wo man HC-Verbesserungen verkaufte, sogar ohne dass Turniere stattfanden.

Der ÖGV argumentiert nun: „Prinzipiell geht das WHS zur Festlegung der Spieler-HCP´s von einer Berechnung der „besten 8 aus den letzten 20 Turnierrunden“ binnen einer rückwirkend festzulegenden Frist (Historie) aus. Viele unserer Golfspieler haben jedoch eine sehr geringe oder weit zurückliegende Anzahl an „vorgabewirksamen Einträgen am Stammblatt“, was eine korrekte und – nicht zuletzt auch für den Spieler selbst akzeptablen Konvertierung – der bisherigen EGA-HCP´s in neue WHS-HCP´s überaus schwierig machen wird.“

Um das neue HC- System 2020 nicht einführen zu müssen (in den letzten Jahren wurden so viele gravierende Änderungen, wie 9- Lochturniere etc., sofort ohne wenn und aber eingeführt) will der ÖGV nun folgendes machen:

„Wir haben uns daher entschlossen, dass im Jahr 2020 alle vorgabenwirksamen Turniere und EDS-Runden OHNE einer möglichen HCP-Verschlechterung – d.h. „Reduction Only“, gewertet werden. Diese Art „Einführungsphase“ soll besonders jene Spieler ermutigen und unterstützen, welche aus diversen Gründen schon seit längerer Zeit kein vorgaben wirksames Turnier gespielt haben. Wir hoffen, dass dadurch auch diese Spieler motiviert werden, da die Konvertierung am Jahresende bei nur 1-3 Stammblatteinträgen ansonsten zu durchaus überraschenden und für alle Beteiligten ungewollten Ergebnissen führen könnte.”

Mit dieser Vorgehensweise, dass es ab einem bestimmten Handicap keine Verschlechterung im Spieljahr 2020 geben soll, verfälscht der Verband komplett die Handicapss aller Golferinnen und Golfer in Österreich.

Warum? Aus Angst, dass die Golfer/innen keine Turniere mehr spielen oder mit dem Golf aufhören? So einen Unsinn kann man nicht glauben. Irgendwie hat man anscheinend im ÖGV nicht begriffen was das HC-System eigentlich bedeutet und hat riesige Angst vor der Konsequenz .

Der Ausweg ist ganz einfach: Jeder Club kennt (so wie es auch früher war) seine Spieler/innen am besten. Bei einem Großteil der Golfer/innen die Interesse an Turnieren haben, dürfte dies mit den 8 Ergebnissen kein Problem sein. Bei Neugolfern oder nicht an Turnieren interessierten Golfern, kann ein Club am besten die Zuerkennung eines HC`s selbstständig zuordnen. Dazu braucht man keinen Verband.

Glaubt man den beim ÖGV wirklich, dass man durch einen angeordneten Zwang an Turnierteilnahmen mehr Golfer/innen zum Mitspielen bewegt?

Eher vergrault man diese endgültig. Viele Golferinnen und Golfer haben sich von unserem Sport auch abgewandt, weil die dauernden Reglementierungen durch den Verband sie vor dem Kopf gestoßen haben.

Hier empfehle ich einfach mal den Grundsatz “Walk in your customers shoes” zu beherzigen.

Womit wir wieder beim Thema wären. Wir Golfer/innen und Clubs sind die Kunden und bezahlen den Verband für seine Dienstleistungen. Und wir erwarten dafür eine entsprechende Gegenleistung und keine Doktrin von oben! Einfach die Umstellung auf die neuen Handicaps den Clubs selber überlassen, die kennen ihre Mitglieder am besten.

Mehr Eigenverantwortung

Es muss auch von den Clubs, deren Verantwortlichen und vor allem künftig auf vermehrt von den Golflehrern darauf hingewirkt werden, dass die Richtigkeit einer Spielstärke, ausschließlich in der Eigenverantwortung eines Spieler/in selbst liegt. Er kann ja künftig in jeder Privatrunde sein Handicap verbessern oder verschlechtern.

Wir müssen uns auch damit abfinden, dass 70  bis 80 Prozent der Hobbygolfer und älteren Golfer kein oder wenig Interesse an Turnieren haben. Und das ist auch gut so! Wollen sie diese Freizeitgolfer, die nur aus Freude und Spaß den Sport ausüben, zu Turnieren zwingen? Dann verlieren wir diese Gruppe, die der Golfsport aber dringend braucht. Ein über 60-jähriger wird auch keine Skirennen mehr fahren oder im Tennis Turniere spielen. Aber er wird sich mit Freunden auf die Runde begeben und Freude am Golf haben. Hier fordere ich ein Um- und Nachdenken bei den Verbänden.

Ein ähnliches Thema ist die sogenannte Platzreife, besonders mit dem Zusatz Prüfung. Hier gehört das letzte Wort aus dem Vokabular ersatzlos gestrichen. Muss man beim Tennis eine Prüfung machen? Es gilt hier ebenso: “Walk in your customers shoes.”

Statt Prüfungen sollte man auf Freude und Spaß beim Erlernen des Golfspiels setzen. Es liegt dann in der Kunst der Golflehrer/innen und der Golfclubs angehenden Interessenten dieses zu vermitteln und wieder vermehrt neue Golfer/innen zu gewinnen.

In der Hoffnung, dass meine Zeilen ein Nachdenken erzeugen

verbleibe ich mit einem

schönen Spiel

Ihr
Heinz Schmidbauer

Autor des Buches „Die Jagd nach Golf“

Heinz Schmidbauer

Über Heinz Schmidbauer

The golf pro Heinz Schmidbauer looks back on a 40-year golfing career. As a qualified sports teacher, he has coached many international sports stars and worked with famous athletes such as Arnold Palmer, Nick Bolletieri and Patrick Ortlieb. His golf experience, also as a former member of the European Challenge Tour, brought him to all continents of the world. Whereby he won professional tournaments on 3 continents. He also made a name for himself as a builder and manager of numerous golf courses (including the Kobernausserwald Golf Club, GC Maria -Theresia). Today he lives mainly in Italy and Austria.

Es gibt 3 Kommentare

  1. Johann Wiesinger

    Heinz,
    ich kann hier nur voll & ganz zustimmen.
    Das ganze Schlammassel fängt aber schon damit an, dass ich den Golfsport in Österreich nur dann ausüben kann, wenn ich eine ÖGV-Karte besitze, d.h. ich muss eine Zwangsmitgliedschaft eingehen.
    Jetzt stellen wir uns einmal vor, wie es wäre, wenn man schifahren nur dann könnte wenn man Mitglied in einem österr. Skiclub sein müsste !
    Das jetzige System im ÖGV bringt den Zwangsmitgliedern NULL – davon profitieren nur der Funktionärsstab und einige auserwählte GolferInnen.
    ….und die (österr.)Clubs lassen sich vorführen WARUM ? WAS bekommen die Clubs vom ÖGV zurück ?
    das Einzige was mir bekannt ist, man kann die Software/Apps des ÖGV verwenden (Handicapverwaltung – wozu braucht man das heutzutage ? Turnierverwaltung, Reservierung etc) – all das was ein Club selbst auch machen kann.
    Es wird Zeit, dass der ÖGV im 21.JH ankommt und sich selbst hinterfragt
    in Zeiten wie diesen – Gesund bleiben damit wir unseren schönen Sport auch in ZUkunft frönen können
    lg johann wiesinger

  2. Philipp

    Wirklich ein guter Artikel. Ich spiele erst seit 3 Jahren Golf und war über gewisse Gegebenheiten auch überrascht – Platzreifeprüfung? Mittlerweile habe ich viele Turniere gespielt und bin mit dem Hc–System vertraut. Doch viele meiner Anfängerkollegen wollen gar nicht an Turnieren teilnehmen. Manchen ist der Status PR aber gegenüber anderen so peinlich, dass sie dann doch zumindest EDS Runden machen.
    Das scheint in Deutschland ein besonderes Thema zu sein..
    Man sollte wirklich mehr vereinfachen und zu den Ursprüngen des Sports kommen: Draußen mit netten Menschen die Natur genießen und den ein oder anderen guten Schlag auch 😉

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