Es ist mir heute eine Herzensangelegenheit, über einen Profi zu berichten, dem man einfach das Prädikat sympathisch umhängen muss. Der Engländer Tommy Fleetwood holt nach zahlreichen zweiten Plätzen seine erste Trophäe auf der US-Tour. Annähernd 30 Top-5-Platzierungen erzielte der 34-jährige Brite bisher, sowie unzählige weitere Top-10-Plätze. Das Pech schien ihm sprichwörtlich an den Schlägern zu kleben.
Golf lebt, wie überhaupt der Sport, davon, sich über Dramen und Emotionen zu verkaufen. Ein bisschen Show schwingt dabei immer mit. Besonders im Golf neigt man dazu, die große Siegerstory in Interview-Worten, mit Kind auf dem Arm und Ehefrau an der Seite zu erzählen. Kaum eine Geschichte hatte sich länger angebahnt und war daher emotionaler als die des Briten Tommy Fleetwood. Ein Spieler, der seit zwölf Jahren auf der US-Profitour spielt. Hochtalentiert, aber einer, der immer andere Sieger von der Seite aus beobachten musste. 163 Mal trat er bei Turnieren an und nie gewann er. Bis zu diesem Sonntag. Im East Lake Golf Club bei Atlanta wird Ende August stets der Sieger des FedEx-Cup ermittelt, der Jahresrangliste der PGA Tour. Es gibt dafür einen Extrascheck über 10 Millionen US-Dollar als besondere Anerkennung, weil es eben nicht nur irgendein Turnier ist – und in der Regel folgen auf so einen Triumph dann große Jubelausbrüche, tränenreiche Interviews oder emotionale Familienfotos.
Nicht so Fleetwood. Er jubelte natürlich, erst etwas ungläubig, dann mit hochgerissenen Armen. Er umarmte seinen erwachsenen Stiefsohn, fragte lachend, ob bei ihm „alles in Ordnung“ sei, weil dieser Tränen in den Augen hatte. Sein bester Freund, Justin Rose, sagte später, das alles habe sich „so gut angefühlt, wie selbst zu gewinnen“. Rose und einige andere standen stellvertretend für eine ganze Sportgemeinschaft: Vermutlich ausnahmslos jeder gönnte Fleetwood diesen Sieg von Herzen, es war die Erfüllung eines lange gehegten Traums für einen Spieler, über den im Golfsport vermutlich noch nie jemand ein schlechtes Wort verloren hat. Nur er selbst wollte sich nicht übermannen lassen von den Gefühlen: Man sah keine Träne bei Fleetwood. Nicht, weil er keine Emotionen empfand – aber weil er seinen Sieg einschätzen konnte. In der sonst von Rivalität geprägten Profigemeinschaft gab/gibt es schlichtweg keinen, der Tommy Fleetwood diesen Sieg nicht gönnte. Auch Altmeister Tiger Woods schrieb einen sehr herzlichen Glückwunsch an den Engländer.
Über die Jahre erarbeitete er sich einen Status als herausragender Ryder-Cup-Teamspieler, verdiente weit über 30 Millionen US-Dollar Preisgeld – aber gemessen wurde er stets daran, nie ein Turnier auf der PGA Tour gewonnen zu haben. „Close, but no cigar“, nahe dran, aber ohne (Sieger-)Zigarre, so beschrieb er selbst seine Karriere. Dieser Marathon formte Tommy Fleetwood.
Er lernte über all die Jahre Lektionen aus seinen Niederlagen, als er erkannte, dass im Golfsport nicht nur erste Plätze zählen.
Überhaupt ist er der Ansicht, dass im Leben nicht nur der Golfsport zählt. Seine Kollegen sind gerührt und schätzten ihn, dass er selbst keinen Pokal für sein Glück zu brauchen schien.
„Ich bin gesegnet mit meiner Familie, der Liebe, die mich umgibt, und der Unterstützung, die ich bekomme, das macht mich glücklich, mehr als Siege.“
Es ist die Erkenntnis dieses langen Anlaufs des Tommy Fleetwood, dass er sich selbst stets treu geblieben ist – das können sich viele andere Profikollegen und auch manche überehrgeizige Amateure als Beispiel nehmen. Fleetwood hingegen behielt immer seinen britischen Humor, genauso wie seinen unauffälligen Schwungstil. Er ist kein Fitnessfreak, wie es z. B. DeChambeau ist. Er blieb immer menschlich und hielt seinem Caddie Ian Finnis die Treue, auch als dieser einige Zeit nach einer schwerwiegenden Herz-OP ausfiel. Dies ist heutzutage äußerst selten, es gilt meistens das „Hire and Fire“.
Dies und seine unverfälschte Darstellung auch gegenüber den Medien und Fans machen Fleetwood so beliebt.
Man kann ihm nur von Herzen gratulieren, endlich das Los der „Never Winners“ abgelegt zu haben.
Mit besten Grüßen und ein schönes Spiel
Ihr
Heinz Schmidbauer