Grenzenlose Grüns – Der Zweiländer-Golfplatz von Reit im Winkl

Die Runde beginnt wie eine kleine Safari: „Die Spur ist noch frisch – das war ein Fuchs.“ Klaus Graf von Moltke weiß, wovon er spricht. Der agile Mittsechziger ist Golfer und ebenso Jäger. Sein Bag mit vollem Besteck trägt er souverän über die ziemlich bergigen 18 Loch, immer ein Auge für die Schönheiten der Natur und ihrer Bewohner gerichtet.

Die Abdrücke im Bunkersand sind noch morgentaufrisch. Feldhasen und Rehe schauen in Reit beziehungsweise Kössen/Tirol auch regelmäßig nach dem Rechten. Als Grenzgänger quasi, denn der Platz liegt zum Teil in Deutschland und zum anderen Teil in Tirol. Ein Kuriosum auf 750 Metern Höhe, das gar nicht so einfach zu realisieren war. Klaus von Moltke: „Die Landwirtschaft ist hier ja noch sehr kleinteilig – da muss man erst mal die nötigen Flächen zusammen bekommen.“

Einige Höfe liegen jetzt zwischen oder am Rand mancher Bahnen. Und gelegentlich landet auch mal ein Ball auf dem Dach oder im Vorgarten. Aber das verursache keinen Ärger, denn die Anlieger profitieren zum Großteil vom grenzüberschreitenden Golfen. Das sagt jedenfalls der Geschäftsführer des Clubs. Er kommt aus Rosenheim und heißt Willy Österreicher – ausgerechnet: „Die Landwirte erhalten eine gute Pacht und viele vermieten Zimmer an Golfer.“ Etwas problematischer sei es mit dem Naturschutz hier oben. Daher die vielen streng klingenden Schilder vor all den Biotopen auf dem Platz: „Betreten verboten. Bei Zuwiderhandlung Platzsperre!“

Da ist zum Beispiel die furchterregende Schlucht von Bahn 14, einem Par 4. Klaus von Moltke meistert sie souverän, aber von Marshall Stefan Heigenhauser hören wir, dass selbst gute Spieler hier an ihre Grenzen geraten: „Unerreicht sind bis jetzt die 27 Punkte, die ein Mitglied hier mal bei einem Zählspiel gesammelt hat.“ Stefan wacht nicht nur über die Einhaltung der Biotop-Grenzen sondern auch über das Wohlergehen der Spieler. Er bietet uns einen schnellen Kaffee zwischen zwei Bahnen an, hat aber auch Tee, Snacks, sieben verschiedene Biere, Schnaps und alkoholfreie Durstlöscher auf seinem E-Cart. Auch taktische Tipps gibt der hochmotivierte Marshall Greenfee-Spielern gerne. Drei seiner Brüder arbeiten ebenfalls hier auf dem Platz – als Greenkeeper. Sie und ihre fünf Kollegen machen einen ziemlich guten Job. Grüns und Fairways könnten kaum besser in Schuss sein. Geschäftsführer Willy Österreicher verrät das grüne Geheimnis hinter der erstaunlichen Qualität: „Wir schicken regelmäßig Bodenproben in ein Speziallabor in den USA. Die überprüfen rund 40 verschiedene Parameter. In Deutschland sind nur fünf oder sechs üblich.“ 

Klaus von Moltke weiß auch das zu schätzen. Er ist ebenso Mitglied in den Clubs in Bad Wiessee und Monte Carlo. In Reit verbringt der Privathotelier mehr und mehr Zeit, denn mit Gut Steinbach hat er auf einem Plateau oberhalb des schmucken Örtchens ein Chalet-Dorf der höchsten Kategorie geschaffen – seit Januar ein Mitglied von Relais & Châteaux. Sieben urige Chalets mit jeweils drei Schlafzimmern und Bädern, Wohnzimmer, Küche, Sauna und Schuppen (für Skier oder Golfbags) gruppieren sich um ein runderneuertes Hotel und einen kleinen Badeteich. Alles wirkt so, als sei es schon immer hier gewesen. Von Moltke: „Wir haben bei den Chalets innen und außen ausschließlich Altholz verwendet. Bei den Mengen, die wir gebraucht haben, war das gar nicht so leicht.“ Für Golfer hat Gut Steinbach spezielle Arrangements und Anfang  Juni erstmals ein eigenes Turnier – den Golf- & Gourmet-Cup. Fleisch aus eigener Erzeugung wird dabei ziemlich sicher auf die Tische kommen. Denn zu Gut Steinbach gehört eine stattliche Herde Rotwild und neuerdings eine Gruppe tibetischer Yaks. Mehr Bio geht kaum, denn die genügsamen Hochlandrinder fressen nur das, was die Almwiesen an Gräsern, Wildblumen und Kräutern so hergeben.

Auch die direkten Anwohner des Golfplatzes sind ziemlich aufgeschlossen gegenüber eigentlich ortsfremden Tierrassen. Außer Pferden, Kühen und Schafen begegnen dem Spieler auch Lamas oder Hochland-Rinder – auf beiden Seiten der Grenze. Die hat ihr ohnehin eher folkloristischen Charakter. Beim Übergang zur sechsten Bahn steht etwa ein gemaltes „Freistaat Bayern“-Schild, darauf ein königlicher Grenzschützer mit dem Wilden Kaiser und einem Golfgrün im Hintergrund.   Nur sechs Bahnen liegen auf der österreichischen Seite, aber auch das Clubhaus und ein barockös anmutendes Golfhotel. Der Platz ist ständig im Wandel. Obwohl erst seit 1998 als 18-Loch-Platz fertig, sind nur noch zwei der 18 Bahnen von einst unverändert da. Die anderen wurden immer wieder modifiziert oder verlagert. Der politische Rückenwind für den Zwei-Länder-Platz war von Anfang an vorhanden – der Landeshauptmann von Tirol und der damalige bayrische Ministerpräsident Edmund Stoiber hatten den Plan wegen des Euregio-Gedankens unterstützt.

Dem gleichen Geist entspringt auch die heutige Euregio Card des Clubs. Für 180 Euro können Mitglieder auf 13 Golfanlagen zwischen Altötting und Salzburg je zehn mal pro Jahr greenfeefrei spielen. Das voll auszuschöpfen hat aber noch nie jemand geschafft.

Klaus von Moltke bei Weitem ebenfalls nicht. Auch wenn sein analytisches und sicheres Spiel etwas anderes vermuten lässt – er kommt nur selten zum Golfen. Allein spielen mag er schon mal gar nicht, verrät er am 17. Loch mit Panoramablick aufs Kaisergebirge: „Ich bin da eher kompetitiv und ein geteiltes Par ist doch sowieso das schönste Par.“

Infos:

Golfclub Reit im Winkl-Kössen: gcreit.de

Gut Steinbach: gutsteinbach.de

Golfland Chiemsee-Chiemgau: chiemsee-chiemgau.info/golf-card-chiemgau – ein attraktives Angebot für das Spiel auf sechs Plätzen im Chiemgau mit Vorzugspreisen in ausgewählten Hotels.

Stefan Quante

Über Stefan Quante

Stefan Quante, seit über 30 Jahren Journalist, Filmemacher, Autor für Print, TV, Radio und das Netz. Er ist spät berufener Golfer, aber umso leidenschaftlicher beim schönsten Spiel der Welt. Er ist Fachmann für die Themen Kulinarik, Wirtschaft, Reisen, Tauchen und Personenportraits.

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