„Unsere golfenden Gäste schelten mich manchmal, wenn wir wieder mal mit Mist gedüngt haben“, erzählt Karl J. Reiter verschmitzt. Abbringen lässt sich der 76-jährige österreichische Hotelier und Wellnesspionier von seiner naturnahen Platzphilosophie dadurch nicht.

Dafür ist er zu sehr Bauer im Herzen. Aufgewachsen als Gastwirtssohn in Tirol, mit 13 weg von Zuhause, mit Mitte 20 Commis-Sommelier im weltberühmten Tour d’Argent in Paris. Danach avanciert er zum österreichischen Wellnesspapst und heute, nach über 50 Berufsjahren, ist er Herr über ein 125 Hektar großes Imperium mit zwei Hotels, 350 Mitarbeitern, 400 Wasserbüffeln und Angusrindern sowie 16 Lipizzanern. Es liegt im größten Kurort des Bundeslandes: Bad Tatzmannsdorf, eine Autostunde von Wien oder Graz entfernt. Vor allem die 9.000 Quadratmeter große Wellnesslandschaft inklusive indischem Ayurveda-Team lockt die Gäste hierher ins südliche Burgenland. Nur 15 Prozent der Gäste reisen zum Golfen auf dem 27-Loch-Platz an, aber das soll sich gerne ändern. Der tiefenentspannte Chef selbst kommt nur einmal pro Woche zum Spielen und freut sich weniger über Pars und Birdies als über Rehe, Hasen und die vielen Vögel auf seinen Plätzen.
Der Weg von den beiden Hotels führt vorbei an der größten Driving Range Österreichs. Wie eine Arena liegt sie an den sanften Hang geschmiegt und lässt dank zahlreicher Abschlagplätze kein Gedrängel aufkommen.
Auch der 9-Loch-Lichtenwald-Platz scheint nicht so gefragt zu sein, vielleicht, weil kein Par 5 dabei ist. Aber wohl eher könnte es daran liegen, dass der 18-Loch- Championship-Platz so attraktiv ist. Bahnen mit Fernblick wechseln sich mit Waldlagen ab. Die 3 zum Beispiel, ein Par 3 mit 184 Metern ab Gelb, beeindruckt mit starkem Gefälle und schön bewehrtem Grün. Es schließen sich ein paar Bahnen entlang des Tschabachs an, eine Art Auenlandschaft mit zusätzlichen Wasserhindernissen zu beiden Seiten des Baches. Eine Runde hier wird nicht langweilig, weil der Platz ebenso fair wie abwechslungsreich ist, spielerisch wie landschaftlich.

Nach einer entspannten Golfrunde in herrlicher Natur könnte man sich auf die Stärkung im Golfrestaurant Puravida freuen. Dass hier das Wiener Schnitzel vom Schwein ist – geschenkt. Aber mit deutlichen Friteusespuren und so ganz ohne Blasen unter der Panade? Das sollte in Österreich ein No-Go sein. Der Umgang des Chefs mit der postwendenden Reklamation trübt den Aufenthalt dann doch ein wenig: „Wir machen das seit 15 Jahren so, es hat sich noch nie jemand beschwert und in 15 Jahren werden wir es auch weiterhin so machen.“ Aha.
Wir hätten vielleicht doch besser im Hotel nebenan essen sollen. Denn im Reiters Supreme genießt die Kulinarik einen besonderen Stellenwert. Vom überaus opulenten Frühstücksbuffet bis zur hochkarätigen Weinkarte – hier spricht alles für einen hohen Respekt vor Viktualien und ihrer professionellen Zubereitung. Vieles in den fünf Restaurants kommt aus Reiters eigenem Anbau und als Jungwinzer (gemeinsam mit den Starwinzern Hans und Michael Schwarz) hat sich der 76-Jährige auch inzwischen einen Namen mit seinen Panta Rhei-Weinen in weiß und rot vom nahen Leithaberg gemacht.
Seine eigene Rolle spielt der charismatische Visionär gerne herunter: „Ich bin hier nur noch der Grüß-August.“ Und wenn Not am Mann ist, trägt der Chef Neuankömmlingen auch schon mal persönlich den Koffer aufs Zimmer. Seine Tiefenentspannung bringt er ebenso philosophisch wie schlicht auf den Punkt: „Was gestern war und morgen ist, zählt nicht. Der wichtigste Tag ist heute.“
Golfen in Stegersbach
Nur eine halbe Stunde weiter südlich liegt das andere Golfmekka des südlichen Burgenlandes: Stegersbach, das damit wirbt, die größte Golfschaukel Österreichs zu haben, nämlich zwei 18-Loch-Plätze und einen 9-Loch-Platz. Der Begriff kommt nicht von ungefähr. Denn landschaftlich wäre hier eher eine Skischaukel zu erwarten. Kein Wunder also, dass beim Check-in im Sekretariat Klartext gesprochen wird: „Wie? Sie wollen Ihr Bag tragen? Davon raten wir dringend ab. Hier nimmt eigentlich jeder ein Elektro-Cart. Deshalb haben wir auch 70 davon.“


Auf dem Panoramakurs erweist sich der freundliche Hinweis schnell als überaus zutreffend. Allein der rekordverdächtig lange Weg zum ersten Abschlag setzt eine gute Kondition voraus, schon bevor der erste Ball geschlagen ist. Und so wird es bleiben. Die 1, ein Par 3, wartet mit stolzen 20 Metern Höhenunterschied auf, dahinter Wald und beiderseits stattliche Bunker. Schnell wird deutlich: Hier wird der Platz der Natur angepasst, nicht umgekehrt wie auf so manchem Designerplatz. Da wird dann etwa die 6, ein langes Par 5, zu einer echten Herausforderung mit viel Schräglagen und einem endlos geschwungenen Fairway, das sich immer enger nach rechts windet und extrem präzises Spiel erfordert. Oder die 10 auf dem anderen 18-Loch-Platz namens Südburgenlandkurs. Ein Par‑4-Blindhole. Wer die Tigerline anstrebt, muss furchtlos über etliche Rebzeilen spielen, um auf dem winzig erscheinenden Grün zu landen.
Der Mann, der seit 29 Jahren für das komplexe Greenkeeping auf allen 45 Löchern verantwortlich ist, heißt Kilian Reisinger. Angefangen hat er mal als Gärtner mit Schnittblumen. Nach etlichen Zusatzausbildungen dirigiert er inzwischen 16 Greenkeeper und versteht sich auf komplexe Bodenanalysen und daraus folgende Maßnahmen. Seine Bodenproben schickt er regelmäßig in die USA, wo sie auf 30 verschiedene Parameter untersucht werden. Weit mehr als in Europa üblich. Und dann steuert er minutiös nach. Mangan, Kobalt, Zink, Kupfer, Molybdän, Kalzium, Stickstoff – Kilian Reisinger kennt viele Stellschrauben, an denen er feinjustieren kann. Das Ergebnis sind trotz der eigentlich schwierigen Grundbedingungen erstaunlich tadellose Fairways und Grüns. Auch die im Sommer ausgeprägte Trockenheit kann er dank des Bewässerungssystems inzwischen besser abpuffern als in den Anfangsjahren, als die Fairways in extremen Hitzeperioden einen wüstenhaften Charakter annahmen. Nur eines macht ihm echte Schwierigkeiten: „Es gibt hier kaum noch Nebenerwerbslandwirte. Das waren hervorragende Treckerfahrer und leicht anzulernende Greenkeeper.“
Auch in Stegersbach hat der Golfreisende die Wahl zwischen zwei Hotels, beide direkt am Panoramakurs gelegen. Zu dem zeitgemäß designten 5‑Sterne-Haus der Falkensteiner-Gruppe gehört auch der Acquapura Spa, der spezielle Massagen für Golfer im Angebot hat. Und der Gourmet freut sich darüber, dass an jedem Abend ein Spitzenwinzer der Region seine Weine im Foyer vor dem Hotelrestaurant präsentiert.
Für das beste Restaurant-Erlebnis außerhalb des Hotels lohnt eine 20-minütige Autofahrt nach Harmisch. Der langjährige Küchenchef des legendären Hotels und Zweisterne-Restaurants Taubenkobel in Schützen am Gebirge Jürgen Csencsits ist mit Ehefrau Melanie ins elterliche Wirtshaus zurückgekehrt. Auf dem alten Holzofen der unprätentiösen Küche kreiert er aus vor allem regionalen Produkten ebenso originelle wie aromenstrotzende Gerichte, begleitet von Weinspezialitäten aus der Nachbarschaft.
Wer sich dafür näher interessiert, den führt die Golfreise vielleicht auch an den Csaterberg, an der Grenze zu Ungarn. Im winzigen Dorf Klein Csater hat sich eine einzigartige Weinkultur erhalten. Es reiht sich Kellerstöckl an Kellerstöckl, schmale Häuschen von kaum 50 Quadratmetern, die früher den Nebenerwerbswinzern der Region als Basis und Wochenendbehausung dienten. Heute sind viele in winzige Ferienhäuschen umgebaut worden. Teilweise stehen noch die alten Weinpressen als urige Wohnaccessoires darin. In anderen, wie dem Stubitz, wird immer noch Wein produziert oder ausgeschenkt.
Das Südburgenland ist das kleinste und vielleicht auch unbekannteste Weinanbaugebiet Österreichs, zu dem es erst seit 1921 gehört. Vieles ist hier anders und weitgehend unbekannt. Auch das Golfangebot wird vor allem von Österreichern genutzt. Aber das kann sich ja auch einmal ändern.
Bad Tatzmannsdorf Golf:
Hotel Adults only: Reiters Supreme 5* Adults-Only, www.supremehotel.at, DZ ab 450 Euro.
Hotel für Familien: Reiters Finest Family 4*Superior, www.finestfamilyhotel.at, DZ ab 400 Euro.
Stegersbach Golf
Hotel: www.falkensteiner.com/balance-resort-stegersbach/erleben/golf-stegersbach, DZ ab 345 Euro.
Restaurant in Harmisch
Csencsits: Freitag mittags gibt es einen 3-gängigen Lunch zu 59 Euro. Abends von donnerstags bis samstags geöffnet.
Weindorf Klein Csater
Weingut Stubits, www.weingut-stubits.at
Ferienhaus Kellerstöckel Isabell, www.kellerstoeckl-isabell.at, Übernachtung ca. 150 Euro.

