Böhmische Bunker – Eine Golfreise ins tschechische Bäderdreieck

Goethe war kein Golfer. Trotzdem kommt kein Golfreisender in Böhmen an Deutschlands Nationaldichter vorbei. Überlebensgroß steht er zum Beispiel am Ortseingang von Loket, dem ehemaligen Elbogen. Über das markant oberhalb der Eger gelegene Städtchen schrieb er: „Es liegt über alle Beschreibung schön und lässt sich als ein Kunstwerk von allen Seiten betrachten.“

So ein Sortiment wie Vaclav hat sonst niemand in Marienbad.

Historisch belegt ist die Feier seines 74. Geburtstages im Schwarzenberg-Lusthaus – das heute noch genauso aussieht wie vor 200 Jahren und inzwischen zum Hotel Weißes Ross gehört. Dessen Chefin Ivana Lojínová zeigt mir den hübschen Holzpavillon nicht ohne Stolz. Ihr Mann Václav ist gerade nicht da – er führt die Geschäfte auf der Burg, der noch größeren Sehenswürdigkeit des böhmischen Rothenburg. Wir geraten ins Schwärmen – ich über Golf und sie über Václav: „Mein Mann spielt auch Golf – seit 51 Jahren.“ Golf in der sozialistischen Tschechoslowakei??? Das war doch eine total verpönte Sportart? „Ja, es gab offiziell auch nur ungefähr 200 Spieler im ganzen Land. Aber Václav und seine Eltern wohnten direkt am Golfplatz von Marienbad. Und der Platzwart hat sich einen Spaß daraus gemacht, den kleinen Jungs aus der Nachbarschaft das Golfspielen beizubringen.“ Václav spielt immer noch. Heute ist er 62 und hat ein Handicap von 5.

Wiege des Golfsports in Teschechien

Böhmen ist die Wiege des Golfsportes in Tschechien. Der erste Platz wurde 1904 in Karlsbad eröffnet – um vor allem den britischen Besuchern die meist mehrwöchigen Kuraufenthalte etwas abwechslungsreicher zu gestalten. Leider existiert dieser Platz nicht mehr. Aber viele neue sind entstanden. 2001 etwa der von Gary Player initiierte 18-Loch-Platz von Cihelny. Eigentlich besteht der Ort auch nur aus dem Platz und einer winzigen Bahnstation an der historischen Bummelbahn-Strecke Karlsbad-Marienbad. Die Trasse führt mitten über den Platz. An Bahn 7 (Crazy Train) gilt es sogar die Gleise als Hindernis zu überwinden. Übernachten lässt sich direkt am Putting Green, in einem der modernen Zimmer des Golf & Resort Cihelny. Und da die meisten Gäste hier vor allem Wellness und nicht Golf im Fokus haben, knubbelt es sich auch nicht am Abschlag.

Eines von vielen Wasserhindernissen in Cihelny.

Kynzvart (Königswart) ist auch so ein origineller Platz zwischen Tradition und Moderne (eröffnet im Jahr 2008). Das winzige neue Clubhaus steht gleich gegenüber dem klassizistischen Schloss von Kanzler Metternich. Er hat zwischen 1821 und 1831, also zu Goethes Zeiten, auch den englischen Landschaftspark anlegen lassen, in dem ein paar der höchst unterschiedlichen Bahnen liegen. Unvergesslich bleibt jedem ambitionierten Spieler die 18, direkt aufs Schloss zu. Zwischen dem weißen Profiabschlag und dem Fairway liegt allerdings noch ein 200 Meter langes, furchterregendes Wasserhindernis. Und auch die ausgedehnten Bunkerlandschaften auf den höher gelegenen Par 5-Bahnen mit dem weiten Blick bis zur deutschen Grenze bleiben nicht ohne Eindruck. Das Pivo auf der nachmittäglichen Schlossterrasse oder in den historischen Stallungen des leicht patinierten Innenhofes lindert den Schmerz über eventuelle Niederlagen.

Bahn 18 führt in Königswart direkt auf das Schloss zu.

Abstecher nach Franzensbad

Einen Abstecher lohnt der sympathisch-verschlafene Kurort Franzensbad, gegründet 1793. Aus demselben Jahr stammt das erste Kurhotel der Stadt, das Drei Lilien. Goethe war hier – natürlich – auch schon zu Gast. Behutsam wird es gerade unter einem neuen Direktor in die moderne Zeit überführt. Nur sechs Kilometer entfernt liegt ein Golfplatz (seit 2003) den sich ein deutscher und ein tschechischer Club teilen. Große Wasserflächen, wechselndes Gefälle und viel alter Baumbestand machen den Reiz des herausfordernden Platzes aus. Und an der 8 lohnt ein Blick auf die kleine Wasserbüffelherde und die vielen Kälbchen.

Besuch in Karlsbad

Die Karlsbader Kolonnaden sind die prächtigsten in ganz Böhmen.

Den denkbar größten Kontrast zu dieser fast bäuerlichen Idylle bildet das glamouröse Karlsbad. Seine Kolonnaden und zwölf innerstädtischen heißen und warmen Quellen sind vielleicht die prächtigsten ganz Europas. Zentraler Punkt ist der international so genannte „The Sprudel“ – die 72 Grad heiße Quelle Nummer 1, die mit hohem Druck bis zu 14 Meter hoch aus dem böhmischen Boden schießt. Entlang des Flüsschens Teplá reihen sich Designer-Shops, elegante Restaurants und stilvolle Stadthotels. In manchen davon, das bezeugt die eine oder andere Plakette, war – Überraschung – ein gewisser Goethe zu Gast. Alles in allem hat der Böhmen-Fan hier mehr als zwei Jahre seines Lebens verbracht. Karlsbad war für ihn neben Weimar und Rom der lebenswerteste Ort der ihm bekannten Welt. Peter der Große muss das ähnlich gesehen haben. Auch er kam, 100 Jahre früher, mehrfach vorbei. Da, wo das Flüsschen einen scharfen Knick macht, prangt das traditionsreiche Grandhotel Pupp. James Bond-Fans kennen es aus Casino Royal, wo es allerdings in die Herzegovina verlegt wurde. Bei einem Drink auf der Café-Terrasse vor dem strahlend weißen Jugenstiljuwel fällt der Blick auf etliche Metallplaketten im Boden. Darauf viele prominente Namen aus zwei Jahrhunderten. Aus jüngerer Zeit Robert de Niro, Leonardo di Caprio oder Keira Knightley. Die Hollywood-Prominenz findet den Weg nach Karlsbad in der Regel wegen des renommierten internationalen Filmfestivals. Ansonsten kommen vor allem Russen zum Kuren und im Sommer auch viele Gäste aus arabischen Ländern, die Kühle und Shopping-Möglichkeiten gleichermaßen schätzen. Heute ist Karlsbad wieder so kosmopolitisch, wie es vor 100 Jahren schon einmal war. Wer dem Trubel im Kurviertel entkommen möchte, ist im Hotel Imperial hoch über der Stadt (Europas älteste Seilbahn führt seit 1907 hin) gut aufgehoben.

Der Golfplatz von Karlsbad ist von klassischer Schönheit.

Von dort ist es nicht weit zu dem altehrwürdigen 18-Loch-Platz von Karlsbad. Seit seiner Gründung 1933 hat er sich zu einem der renommiertesten Clubs Europas entwickelt. Der alte Baumbestand, die großzügige Anlage mit vielen Freiflächen, abwechslungsreiche Gefälle und das glamouröse Clubhaus machen eine Runde hier unvergesslich. Aber erst bei der zweiten lassen sich sportliche Überraschungen vermeiden – versteckte Bunker, scharfe Doglegs und tückische Wasserflächen.

Blaue Stunde in Marienbad

Seit über 100 Jahren sind die Kolonnaden der Mittelpunkt von Marienbad.

Wer es schafft, sich vom bezaubernden Karlsbad zu lösen, dem sei die abendliche Ankunft in Marienbad empfohlen. Zur Blauen Stunde nämlich zeigen sich die Kolonnaden am oberen Rand des zentralen Kurparks von ihrer magischsten Seite. Die Wasserorgel lockt alle Generationen zu ihrem musikalischen Spiel, die Parkbänke sind dicht von kurenden Gästen (viele aus Russland) und Einheimischen besetzt. Eine freundliche Winzerin macht gute Geschäfte mit glasweise ausgeschenktem mährischen Wein. Und Fledermäuse huschen durch die imposanten Kolonnaden gegenüber. Rundum liegen etliche Grandhotels mit allem Pomp der Gründerzeit und des Jugendstils. Erstes Haus am Platz ist das Nové Lázné. Türmchen, stattliche Balkone, eine herrschaftliche Freitreppe und gut gepflegte Patina treffen hier auf eine leistungsfähige Bäderabteilung mit allen Möglichkeiten der berühmten Marienbader Heilkur: Mineralbäder mit natürlichem CO2, galvanische Vierzellenbäder oder trockene Kohlendioxidbäder. Wer nur ein wenig Wellness genießen will, ist im historischen Römerbad von 1896 gut aufgehoben. Zu bestaunen und zu benutzen ist im Erdgeschoss des Hotels, gleich gegenüber der Rezeption, übrigens auch die Wanne, in der Edward VII. seine Mineralwasserbäder zu nehmen pflegte.

Edward VII. wacht über Abschlag Nummer 1 in Marienbad.

Und da er gerade mal wieder da war, wurde dem englischen König im August 1905 die Ehre angetragen, den gerade fertig gewordenen Marienbader Golf Club einzuweihen. Eine Plakette auf einem Riesenstein an Tee 1 erinnert seit 1934 daran. Vor diesem Hintergrund war es auch möglich, dass die Queen den Club 2003 mit dem Wörtchen Royal adelte. Nicht ohne Stolz und Ehrfurcht führt Head Pro Oldřich Nechanický ins Allerheiligste des Clubs, die historische Keimzelle, die heute den Mitgliedern vorbehalten ist. Auch er ist übrigens einer der Marienbader Jungs wie dem Ur-Golfer aus Loket Václav Lojín, die hier dank dem damaligen Platzwart schon früh das Golfvirus inhalieren konnten. Gleich nebenan liegt ein Salon, in dem die Queen und ihr Vorfahre König Edward über dem Kamin in Öl verewigt sind. Goethe hätte sich hier vielleicht ganz wohl gefühlt. Und wer weiß? Vielleicht wäre er hier und heute auch zum Golfer geworden…

Infos:

golf-pass.cz listet nicht nur alle genannten Golfplätze auf, sondern ist auch ein attraktives Angebot für auswärtige Greenfee-Spieler.

Tschechischen Zentrale für Tourismus – CzechTourism, Email-Kontakt

Allgemeine Informationen über Tschechien, alle Städte und Golfplätze

Erwähnte Hotels:

Karlsbad:

Marienbad:

Franzensbad:

Stefan Quante

Über Stefan Quante

Stefan Quante, seit über 30 Jahren Journalist, Filmemacher, Autor für Print, TV, Radio und das Netz. Er ist spät berufener Golfer, aber umso leidenschaftlicher beim schönsten Spiel der Welt. Er ist Fachmann für die Themen Kulinarik, Wirtschaft, Reisen, Tauchen und Personenportraits.

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