Erstmal eine Runde um den Platz drehen. Das geht längst nicht überall, aber auf dem Wißberg inmitten gepflegter Weinberge ist das eine einfache Übung. Einfach rechts an der vorbildlichen Driving Range vorbei und dann immer links halten. Rund 3,5 Kilometer auf dem rheinhessischen Tafelberg. Der Blick ist doppelt schön: Auf der Innenseite des Rundgangs immer wieder Einsichten in die jetzt im Frühjahr noch wenig frequentierte Golfanlage und rechts reiht sich ein Weinberg an den nächsten.
Dahinter bei guter Sicht am Horizont die Höhenlagen des Rheingaus hinter Rüdesheim und auf der anderen Seite am Horizont bis in die nahe Pfalz. Gleich vier Weinbauregionen grenzen hier aneinander, denn auch die Nahe ist nicht weit entfernt. Lokalpatrioten sprechen daher auch gerne von der deutschen Toskana. Kein Wunder also, dass auch das direkt am Clubhaus des GC Rheinhessen gelegene Hotel Hofgut Wißberg mit ökologischer Kompetenz und Leidenschaft punktet. In der kleinen Honesty Bar neben der Rezeption lagern gut gekühlt einige der weißen Schätze rheinhessischer Winzerkunst. Adäquate Kristallgläser direkt daneben natürlich auch.
Zu einer ersten Golfrunde bin ich mit Club-Manager Immanuel Comtesse (der Opa ist einst aus der französischen Schweiz immigriert) verabredet. Für ihn ist es die erste Runde in diesem Jahr überhaupt. Sein erster Abschlag gleich neben dem Starterhaus kann sich dennoch sehen lassen. Immanuel kommt eigentlich vom Fußball, er ist seit Jugendzeiten mit (dem Nichtgolfer) Mirko Klose befreundet, musste die aussichtsreiche Profikarriere aber aufgeben – das Kreuzband. Golf ist also wie bei so vielen Spielern seine zweite sportliche Liebe. Den Spirit hat er sich allerdings vom Fußball bewahrt: „Wenn es nicht läuft, heißt es ja: Kämpfen, kämpfen, kämpfen. Leider ist das beim Golf das Falscheste, was man machen kann.“
Mehr Panorama geht kaum
Am zweiten Loch, einem Par 5, werden Konzentration und Blick ein wenig abgelenkt – mehr Panorama geht kaum. Der 1992 von Bernhard Langer eröffnete Platz nimmt zwei Drittel des Hochplateaus ein. Kein Haus, kein Windrad stört den Blick. Obwohl die Sonne scheint und der Wind nur mäßig weht, sehen wir auf unserer Runde kaum eines der rund 1.100 Mitglieder. Dafür umso mehr fleißige Greenkeeper. Da werden Grüns aerifiziert und Bunker in Schuss gebracht. Um ein paar Putts auf verbliebenen Wintergrüns kommen wir daher leider nicht herum.
Loch 5 ist das Signature Hole des Platzes – weil es stark bergab geht und auch wegen des Weitblicks in den Rheingau. Linker Hand ein stattliches Wasserreservoir. Denn der Wissberg ist ein eher trockener Fleck. Obendrein ist das Grundwasser etwas salzig – der Kurort Bad Kreuznach und seine berühmten Salinen liegen nicht zufällig gleich um die Ecke. Der Club hat deshalb eine moderne Entsalzungsanlage. Anders ließe sich die hohe Qualität der Grüns und Fairways kaum erzielen.
Mainzer Golffans gründeten den Platz
Dem Platz sieht man sein Alter nicht an, auch weil hohe Bäume fehlen, die oft Aufschluss über die Geschichte einer Anlage geben können. Gegründet wurde der GC vor über 30 Jahren von Mainzer Golffans – der dortige Platz existierte damals noch nicht. Heute kommen die meisten Mitglieder aus dem etwas näheren Umland.

Die Back Nine, jetzt ohne Immanuel (“die Arbeit ruft”), haben noch ein paar Highlights zu bieten. Die 10, ein scharfes Dogleg nach rechts, die 15 mit einem Abschlag direkt an den Rebzeilen und einem herrlichen Inselgrün und die 17 längs der Reben. In den Büschen davor droht Verwechslungsgefahr. Die vielen runden, weißen Kugeln sind keine fehlgeleiteten Bälle, sondern Weinbergschnecken, was rechtzeitig zum Rundenschluss den Appetit weckt.
Hier oben gibt es jetzt zwei Möglichkeiten: die kleine Bistrokarte des Hotels oder unter demselben Dach das ambitioniert aufkochende Clubrestaurant Gramms. Beide gesegnet mit einer bildschönen Terrasse in Südlage im Halbschatten zweier stattlicher Kastanien – die wahrscheinlich größten Bäume auf dem Wißberg.
Im Hotel-Restaurant treffe ich Rita Kuckein, die General Managerin des Boutique-Hotels (es hat nur 23 Zimmer und Suiten). Sie selbst golft (noch) nicht, hat aber zusammen mit ihrem Team einen Schnupperkurs absolviert: „Das hat nicht nur viel Spaß gemacht, sondern auch bei allen das Verständnis für unsere golfenden Gäste geweckt.“ Und die seien längst nicht in der Mehrheit – Tagungsgäste, Yoga-Fans, Radfahrer und Wanderer suchen gerne die Abgeschiedenheit des Hochplateaus. Auch Hochzeitsgesellschaften haben den Wißberg längst als originelle Location entdeckt. Wie praktisch, dass mit der idyllisch inmitten der Renommierlagen Saukopf und Bockshaut gelegenen Kreuzkapelle von Gau-Bickelheim auch der passende Ort für den ernsten Teil der Veranstaltung fußläufig zur Verfügung steht. Weinproben nach der Trauung sind danach eher die Regel als die Ausnahme.
Aber am liebsten sind der jungen Hotelière die golfenden Gäste: „Die sind so herrlich entspannt – vorausgesetzt, die Teetime ist erfolgreich gebucht.“
Infos zum Golfclub Rheinhessen
Golfclub Rheinhessen: Hofgut Wißberg, 55578 Sankt Johann, Tel. 06701-20080, www.info@gc-rheinhessen.de
Hotel: Hofgut Wißberg, DZ ab 193 Euro, Suiten ab 260 Euro inkl. Frühstück und Parken. Hotelgäste sparen zehn Euro pro Greenfee. Neuerdings werden auch Massagen speziell für Golfer angeboten. Tel. +49 6701 91 64 50, info@hofgut-wissberg.de, www.hofgut-wissberg.de
Tourist-Info Wörrstat: www.woerrstadt.de/tourismus
Tourist-Info Gau-Bickelheim: www.gau-bickelheim.de























