Neue Platzreifeprüfung in Österreich – Gibt es ohne PE Chaos auf den Plätzen?

In Österreich versucht der dortige Golfverband ÖGV angesichts rückläufiger Spielerzahlen im Golfsport mit einer neuen Platzreifeprüfung dem entgegen zu wirken. Aber ist das die Lösung? 

Der Verband hat jetzt ein etwa 30 Seiten umfassendes Heft herausgegeben. In diesem werden neue Richtlinien für die Platzreife in Österreich festlegt. Dort ist davon die Rede, dass diese „International anerkannt“ sei und einheitlichen Standards folge.

Erreichen möchte der Verband mit dieser „ÖGV Platzreife“ das weniger Golfer aus den Golfclubs austreten, das neue Mitglieder Gewonnen werden und es ein einheitliches System gibt. Gefordert wird zum Beispiel von einem Golf-Interessenten folgendes:

1. Einstiegsphase: Platzerlaubnis, Erwerb beim und durch den Club. (Das Bespielen einer Anlage, und damit die Erteilung einer Platzerlaubnis liegt rechtlich immer bei einem Club.)

2. Phase: Danach soll eine weitere ÖGV Platzerlaubnis erworben werden. Inhalte sind beispielsweise 30 Fragen, die in 45 Minute zu 70% richtig beantwortet werden müssen, also wie in der Fahrschule oder in der Schule.

3. Phase: Man kann also nach dem System

a ) OV – Mitglied ohne Vorgabe werden

b) PE – Platzerlaubnis erwerben

c) in der dritten Phase wird man dann als Absolvent einer „ÖGV Platzreife“ mit HC 54 geführt, dazu muss auch noch ein 9 Lochturnier gespielt werden.

(Weitere Details des sehr recht umfangreichen Manuskriptes werden hier aus Platzgründen nicht erwähnt.)

Der Gesamteindruck dieser neuen ÖGV Idee ist, dass man in denn Chefetagen des Verbandes schon ziemlich abgehoben oder frustriert über die Situation im Golf sein muss, und daher eine weit von der Praxis und dem eigentlichem Geschehen des Golfsports entfernten Person dieses Konzept erstellen lies. Denn anders sind manche Punkte kaum erklärbar:

Es wird nicht einfacher, sondern komplizierter

Aussagen wie „international anerkannt“ sind einfach falsch und es macht den Einstieg nur noch komplizierter für Interessierte als es eh schon ist.

Man führt Interessierte anscheinend bewusst in die Irre mit solchen Aussagen, auch was die Bedeutung der Platzreife und Mitgliedskarte (Haben sie auch schon mal in einem Club aussagen gehört wie „Diese Karte/PE brauchen sie um weltweit spielen zu können“?) angeht. Einem Verband kann man unterstellen, daß er die wirklichen internationalen Tatsachen in den weltweit bedeutenden Golfländern kennt.

International ist eine Platzreifeprüfung unbekannt

In den USA, Australien, Südafrika, Kanada, Großbritannien, Irland, Spanien, Frankreich, Holland um nur einige zu nennen, also in fast allen bedeutenden Golfländern ist die Platzerlaubnis vollkommen unbekannt, genau so wenig kennt man die Clubvorgabe, also den Bereich zwischen Hcp -37 und -54.

Die Einsteiger dort beginnen bis heute mit HC 36. Und bei den genannten Ländern handelt es sich vor allem um die führenden Nationen in denen Golf Volkssport ist. Übrigens war dies auch in Deutschland und Österreich einmal so, bevor man auf die wenig glorreiche Idee mit dem Handicap 54 kam, womit man vermeintlich mehr Golfer gewinnen wollte. Man stellte sich damit aber international ins Abseits.

Wie man sich im neuen ÖGV-Konzept auf „international“ beziehen kann, wirkt schon sehr vermessen, da nicht einmal in Österreich eine Golfanlage verpflichtet ist, Platzreife – egal von wem -anzuerkennen oder geschweige denn jemand auf dem Platz spielen zu lassen (PE , HC oder ÖGV Karte hin oder her). Noch viel weniger trifft dies auf ausländische Anlagen zu. Die Enttäuschung mancher Neogolfer im Urlaub ist daher oft sehr groß wenn man mit so einer Karte in den klassischen Golfländern nur belächelt wird.

Wo die Probleme liegen

Zahl der Austritte. Foto: Screenshot/ ÖGV

Der Hase liegt ganz woanders im Pfeffer: Jahrelang haben viele österreichische Clubs verhältnismässig günstig ihre Mitgliedschaften inklusive PE nach Deutschland (eines der wenigen Länder wo es auch eine PE gibt) und die Schweiz verkauft. Mittlerweile gibt es aber auch in diesen Ländern genügend günstige Golfclubs und viele Clubs lehnen nun PE oder Mitgliedschaften aus Österreich ab. Schätzungsweise 30 Prozent der ÖGV Golfer dürften im Ausland wohnen, was natürlich in erster Linie die Verluste der hohen Abwanderungen in Österreich erklärt, alleine 7136 im Jahre 2016 und im Zeitraum von 10 Jahren rund 63 000. Diese weggebrochenen Mitglieder hatten natürlich vorher die Statistik des ÖGV in den letzten Jahren besser aussehen lassen.

Ob nun so ein „pseudo selbsternanntes internationales Dokument“ inklusive Mitgliedskarte einen renommierten ausländischen Club davon beeindrucken und überzeugen kann, den Golfer damit auf der Anlage spielen zu lassen, darf mehr als bezweifelt werden. Daß sich die betroffenen Länder nun gegen die Fernmitgliedschaften aus Österreich inklusive Platzreife zu Wehr setzen, war nur eine Frage der Zeit. Schliesslich benötigt man die Golfinteressenten oder Neogolfer im eigenen Lande.

Bereits von einigen Clubs aus der Schweiz ist bekannt, dass Schweizer mit Wohnsitz in der Schweiz und einer Fernmitgliedschaft eines z.B. österreichischen Clubs dort nicht spielen dürfen. Sogar innerhalb Österreichs tobt der Krieg zwischen Clubs, wer wen wo spielen lässt und zu welchem Preis. Die neue ÖGV PE soll all diese Probleme beheben.

Ohne Platzreife Chaos auf den Plätzen?

Das Argument: „Ohne Platzreifeprüfung herrscht Chaos auf den Plätzen“ kann man nicht nachvollziehen. Schaut man auf die weltweit führenden Golfnationen gibt es dort keine PE. Dort sind die Plätze wesentlich mehr frequentiert und man wird in keinem Urlaubsbesuch Chaos, Mord und Totschlag feststellen können.

Besonders wenn österreichische und deutsche Golfer in die oben genannten Länder in den Urlaub fahren, werden sie dort mit einem Bedauern bemitleidet: „Spielen sie wirklich Golf ?“, so etwas wie HCP 40 oder Platzreife gibts nicht.

Warum also eine Platzreife?

Es würde vollkommen genügen, wenn man als Interessent an einen guten Golfpro verwiesen wird und einige Regelabende in einem Club besucht. Früher war es auch noch üblich, dass ein Vertreter des Clubs Neueinsteiger mit auf die erste Runde nahm und so nicht nur in das Golfen sondern auch das Clubleben einführte. International ist es doch so: Wer das Greenfee zahlt, darf spielen und wer die anderen aufhält, fliegt vom Platz. So einfach ist das. Die hiesigen Verbände und einige Golfclubs wollen sich aber mit der PE hier nur ihr Monopol sichern.

Das nun vom ÖGV vorgestellte System geht komplett an den derzeitigen Reformen der internationalen Verbände R&A und USGA vorbei.

Ist man dort bestrebt die Regeln zu vereinfachen, was einer Sensation gleich kommt, um mehr Golfinteressenten zu bekommen, angesichts der weltweit sinkenden Mitgliederzahlen, so erreicht man mit dem mehr als komplizierten Einstiegskonzept des ÖGV genau das Gegenteil.

Anscheinend ist es noch nicht in den Verband durchgedrungen dass R& A sowie USGA an einem anscheinend in 2019 in Kraft tretendem Konzept eines weltweit einheitlichen Handicapsystems arbeiten, welches das in Österreich und Deutschland bisher übliche System sicher in Frage stellen dürfte. Es ist nicht anzunehmen, dass der Rest der Golfwelt das deutsch-österreichische Handicapsystem mit der komplizierten PE, HC 54-37 übernehmen dürfte.

Irgendwie ist in den Verbänden der Bezug zu den vielleicht an Golf interessierten Personen, angesichts des Zulaufes in der Vergangenheit, verloren gegangen.

„Walk in your Customer`s shoes“ heißt eines der Grundprinzipien in der Kundengewinnung im Wirtschaftsbereich. Versuche zu denken wie deine Kunde um ihre Bedürfnisse zu verstehen. Man kann sich angesichts der Hürden, die mit der neuen Platzreife des ÖGV aufgebaut werden nicht vorstellen, dass man den angehende Golfer damit im Auge hat.

„Prüfung“ erschreckt

Bereits das Wort „Prüfung“ erschreckt viele Menschen die in ihrer Freizeit Spaß und Freude haben wollen. Die nicht wenigen Regeln und Aufnahmekriterien des Golfsports inklusive des zeitlichen und finanziellen Aufwandes für Beginner halten viele davon ab, mit dem Golfen zu beginnen.

Wenn nun schon so traditionsreiche, unantastbare Institutionen wie der R & A oder die USGA alles bisherige auf den Prüfstand stellen und vieles über Bord werfen und vereinfachen wollen fragt man sich, warum ein Golfverband in Österreich sich dies nicht als Vorbild nimmt. Die Clubs vor Ort und die Pros vor Ort wissen am besten wie man neue Golfer gewinnen kann.

Was wäre wenn…

Ließe man das vorliegende PE- Konzept einen Vorschlag sein. Warum stellt man dann nicht den eingeschlagenen Weg mit PE und HC 37 -54, 9 – Loch Turnieren, Extra Day Score, keine HC Verschlechterung mehr ab HC 18 (Österreich) und HC 26 (D) in Frage? Hat dies wirklich mehr Golfer gebracht oder nur mehr Verwirrung? Ist man da nicht auch international im Abseits?

Manchmal ist eine Vereinfachung und Rückkehr zu den Wurzeln (HC 36, PE führt der Club nach seinen Agenden durch, usw) das bessere System.

Der Fokus sollte ganz darauf gerichtet werden: Was bewegt jemand mit dem Golfsport zu beginnen?Wie kann man den Einstieg so einfach wie möglich machen? Wenn wir neue Interessenten im heiß umkämpften Markt der Freizeitangebote gewinnen wollen, müssen wir dringend Hürden abbauen und nicht errichten.

Golf kämpft gegen eben die vielen Angebote auf dem Sport- und Freizeitmarkt. Skifahren, Tennis, Bergsteigen, Biken – nirgendwo wird eine Prüfung verlangt, obwohl manche Sportarten wesentlich gefährlicher sind, sind die Einstiegshürden leichter.

Was denken Sie? Wir freuen uns über Ihre Gedanken in den Kommentaren!

Es gibt 2 Kommentare

  1. friedrich gruber

    was denke ich.?
    als ich noch in diversen golfverbänden aktiv war wurde hcp 54 eingeführt. schon damals hielt ich das für unnötig.
    aber ok. wenn es schon sein muss einen pr test, nicht prüfung, der mit hcp 36 gewertet wird.
    ich denke,dass die meisten leute bevor sie golfen schon genug prüfungen in ihrem leben hatten.

  2. The Thrill

    Hallo,
    ich bin Golfpro in Österreich. Ich komme aus Amerika….Florida, genau zu sagen. Ich verstehe der Frust von beiden Seite. Der Neogolfer will Spaß in seiner Freizeit und der ÖGV will gleichzeitig die Interessen allen Clubs verteidigen. Leider Gottes muss ich sagen der aktuellen ÖGV PR System ist ein positive Entwicklung. Es ist einfach nötig hier bis Golf wird tiefer in der Kultur wachsen. Nicht zu vergessen ist die aktuellen Mitglieder sind die wichtigste Quelle für neue Spieler. Wir müssen schauen das ihrer Freizeit und weiter Entwicklung als Golfer ist nicht wegen schnelles Geld verzichtet.
    MFG
    Golfpro

Was denken Sie?