Ein Buch mit sieben Siegeln – eine Golfkurzgeschichte von Thomas Klages

Es war Sommer, die Sonne strahlte ungehemmt vom tiefblauen Himmel herab und das
anstehende Wochenende drohte mit zwei freien Tagen. Voller Vorfreude auf den nun
kommenden Samstag schloss er mit Elan die Bürotür hinter sich, um die mit reichlich Arbeit gefüllte Woche endlich hinter sich zu lassen. Wie üblich, wenn er sich auf ein Golfturnier am Wochenende bei Optimismus verbreitender Wetterlage freute, schienen die Gedanken an termingebundene und sorgfältig zu erledigende Arbeiten in seiner Dienststelle wie weggeblasen.

Der direkte, vor einem Turnier fast innerlich zur freudigen Pflicht gewordene Heimweg führte ihn schnurstraks zu seinem Heimatgolfclub. Zu allererst lief ihm natürlich die etwas untersetzte Dame über den Weg, die ihn beim letzten Turnier begleitete – und dabei eine
These verlautbarte, die ihn in unverständiges Kopfschütteln verfallen ließ.

„Üben tut man doch nur als Anfänger, ich übe doch nicht mehr“… war die klare Aussage seiner Mitspielerin, die, trotz Ausrüstung mit viel zu teurem High-Tech Equipment auch noch nach Jahren die hohe 30er Handicap Region nicht hinter sich lassen konnte. Er selbst hatte zwar auch erst vor wenigen Jahren die Faszination des Golfspiels entdeckt und konnte sich immerhin zusehends verbessern, sah aber das Üben und Training nicht als lästige oder gar peinliche Pflicht an. Würden stets medienpräsente Persönlichkeiten des Golfsports wie Tiger Woods oder Bernhard Langer so gut spielen können, wenn sie sich nicht täglich dem stundenfressenden Training hingäben? Die in den einschlägigen Geschäften oder im Internet erhältlichen Golfvideos helfen, trotz fadenscheiniger Prophezeiungen angeblicher Alleswisser, sicherlich nicht. Er hörte schon von Leuten, die der Meinung waren, dass das Golfspiel mit dem Nintendo vor der heimischen Flimmerkiste gleichwohl ausreichen würde, um Golf zu lernen.

Nach einem zweideutigen „Ja, Ja …“, das er sich beim Weg zum Übungsareal in den nicht vorhandenen Bart murmelte, waren seine Gedanken jedoch schon wieder bei den kleinen stets nervigen Fehlerchen, mit denen sich fast jeder Amateurgolfer im Verlauf des eigenen Spiels wiederholt herumschlagen muss. Zumindest sind diese Fehler beim Turnier so hilfreich, den viel zitierten dicken Hals zu fördern. Ergo spulte er dann, wie choreographisch geplant, seine Trainingssession über volle zwei Stunden lang ab. Umwerfend locker sahen seine Schwünge und geraden Schläge an diesem Tag, am frühen Abend vor dem Turniersamstag in seinem 80 Kilometer entfernten Lieblingsgolfclub, aus. Sogar der Clubtrainer hatte dies im Augenwinkel bemerkt und er freute sich über die lobende Bemerkung des britischen Lehrers. Optimismus und Vorfreude machten sich jetzt schon breit, denn er liebte es, sich selbst zu fordern. Zu gewinnende Preise oder gar Szenen im imaginären Rampenlicht waren nie sein Ziel. Snobismus oder zur Schau gestellte Hochnäsigkeit, wie es diesem Sport leider nach wie vor nachgesagt werden, lehnte er schon zu Beginn entschieden ab. So legte er zwar immer Wert auf bequeme Kleidung, doch rennt er nicht schlagartig ins nächste Golfgeschäft, nur weil gerade die in manchen Kreisen zwingend zu tragende Golfkollektion per neuestem Hochglanzprospekt ins Haus geflattert war.

Nach dem obligatorischen Cappuccino machte er sich auf den Heimweg, wo dann sogleich die kontinuierlich vervollständigte und akribisch geführte Checkliste half, den Inhalt seiner Golftasche zu komplettieren. Pingelig ist er in mancher Beziehung. Außenstehende hätten es vielleicht sogar kleinkariert und als zu wenig spontan bezeichnet. Nichts wäre für ihn jedoch schlimmer gewesen, eines der golfspezifischen Kleinutensilien zu vergessen, deren Anblick diesem Sport nicht zugeneigten Menschen wohl nur ein großes Fragezeichen an der Stirn hätte erscheinen lassen. Das für ihn wichtigste Accessoire wanderte wie automatisch zum Schluss in das Dunkel der Tasche – das Buch mit den Golfregeln. Er kannte kaum jemanden, der sich an diesen eigentlich viel zu theoretischen und langweiligen Abhandlungen und Ablaufszenarien ergötzen konnte. Doch sollte das Vorhandensein dieser kleinen Golferbibel in seiner Tasche auch nur helfen, bei eventuellen Ungereimtheiten und hoffentlich nicht entstehenden Diskussionen während der Golfrunde eine schnelle und klare Lösung herbeizuführen. Er selbst war auch ohne dieses Buch der Regeln ziemlich kundig, doch bestätigten unliebsame Erfahrungen wieder und wieder, dass es für manchen Mitspieler ein Buch mit sieben Siegeln zu sein schien.

Der zur Sicherheit viel zu laut eingestellte Radiowecker ließ am folgenden Morgen unseren Amateurgolfer bei belebenden Musikklängen die Augen schlagartig aufreißen, die ersten diffusen Sonnenstrahlen erhellten neben dem Raum auch sein erwartungsfreudiges Gemüt. Nach einem ausgiebigen Frühstück wurde die gesamte Spielausrüstung in den eigentlich zu winzigen Kofferraum seines Sportwagens verfrachtet und er machte sich auf den gut eine Stunde dauernden Weg zu seinem Lieblingsplatz. Nicht, dass er seinen viel näher liegenden Heimatclub nicht mochte, doch verband er viele schöne Erinnerungen an den ausgewählten Golfplatz. Dort begann im Grunde sein Interesse an dieser Sportart in freier Natur fortan zu steigen, bestritt er viele Turniere mit immer wieder netten Mitspielern, die glücklicherweise ebenfalls keine snobistisch abgehobenen Wesenszüge an den Tag legen wollten.
Im Club angekommen war es auch diesmal wieder spannend für ihn zu erfahren, wen ihm die Spielleitung für die kommenden gut vier Stunden des Spiels als Mitstreiter angedreht hatte. Manchmal hätte er lieber allein gespielt, doch ist dies aus praktikablen Gründen bei einem Turnier nicht machbar. In der Vergangenheit gab es wiederholt nette, freundliche Begleiter und Begleiterinnen. Er steht ja eher darauf, mit zwei bis drei Ladies zusammen zu spielen, da diese beim Golf komischerweise selten zickig sind. Bei sommerlichen Temperaturen konnte sogar das meist luftige Outfit der Damen seine Psyche zusätzlich aufhellen. Diesmal war es ein nettes, junges Mädel knackiger Statur und ein älterer Herr mit abgewetzten Shorts, deren verblichenes Rosa fast in den Augen schmerzte. Der Name Herbert passte zu ihm wie der Deckel auf den Topf. Als es dann endlich losging, das elastische Mädel namens Ellen drosch zuerst ihren quietschgelben Golfball über bestimmt 150 Meter die Spielbahn entlang, fing dann auch Herbert an, den gepflegten Rasen am Abschlag übelst zu malträtieren. Nachdem dieser Herbert dann zweimal ein jeweils pfannkuchengroßes Stück des heiligen Bodens in die Gegend katapultierte, leider jedoch den Ball nicht traf, kamen unserem Golfer schon Bedenken – ob dieser Mitspieler nicht noch durch seine scheinbare Unkenntnis der Materie im Spielverlauf mächtig nerven könnte. Endlich, beim dritten Schlag, traf der Herbert die widerspenstige Kugel und schaffte es, sie gigantische 90 Meter nach vorn kullern zu lassen – natürlich prompt in den seitlichen Teich hinein. Schon ging das Elend los, denn Herbert kramte, an der Stelle des ins Nass versenkten Balles, plötzlich in seiner gebraucht gekauften Golftasche herum. Ellen und er sahen sich ob der wundersamen Handlungen zwar fragend an, doch plötzlich lies Herbert mit einem gellenden „Hiieeer …“ verlauten, dass er seinen Ball gefunden hätte. Schummler und Selbstbetrüger waren ihm zuwider. Auch Ellen, nicht unaufmerksam, war klar, dass Herbert nicht seinen mit sichtbarem Wellengang im Teich versenkten Ball gefunden hatte, sondern ein aus der ominösen Tasche gefummeltes Ersatzobjekt hatte heimlich fallen lassen. Das Procedere gleich an der ersten Spielbahn ließ seine Hände zwar kurzzeitig in Richtung des grünen Büchleins zucken, doch nach Ellens charmantem Augenzwinkern hielt er sich zurück.

Am zweiten Abschlag angekommen war er als Gastspieler an der Reihe, als erster den Ball abzuschlagen. Beim Probeschwung ohne Ball schlug er ein kleines Stückchen des Rasens heraus, was den Herbert dazu bewog, laut aufzuschreien, dass das ja einen Strafschlag gäbe. Ellen wendete sich extrem grinsend vom Szenario ab, um nicht in lautes Lachen zu verfallen. Er wusste, auch durch das grüne Regelbuch, ganz genau, dass diese Aktion nicht mit einer Strafe belegt würde. „Das erkläre ich Dir später mal …“ sagte er zum Herbert und machte danach einen schönen Schlag in Richtung der Zielfahne. Er hatte einfach keine Lust, zu diskutieren. Die Stunden vergingen, Ellen und er hatten viel Spaß bei zahlreichen Unterhaltungen unter gleißender Sonne, der nassgeschwitzte Herbert quatschte immer im ungünstigsten Moment dazwischen und nervte einfach nur. Diese Unkenntnis sämtlicher Regeln machte unseren engagierten Golfer fast traurig. Nur die Ellen war in diesen Situationen immer gefasst und lächelte einfach nur hemmungslos vor sich hin. Nur schade, dachte er, dass Herbert Vorletzter wurde. Wäre er Zweiter geworden, hätte es einen schönen Preis gegeben: Ein nagelneues, bunt illustriertes Regelbuch mit Harteinband – das ultimative Buch mit den sieben Siegeln …

Quelle: Thomas Klages, www.thokla.de