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Der Golfschwung

Detaillierte Analysen sind die Grundlage für Kenntnisse der Belastungen beim Golfschwung. Mit diesem Wissen können therapeutische Maßnahmen gezielt eingesetzt werden.
In den folgenden Artikeln wird die sog. Golfschulter aus der Sicht eines Golf-Physiotherapeuten nach Golfschwungphasen erklärt. Die Golfschulter ist eine Überlastung und/oder eine Verletzung, die durch unterschiedliche Fehlbewegungen während des Golfschwunges entsteht. Der Begriff „Golfschulter“ muss wesentlich weiter gefasst werden als z.B. der Begriff des Tennisellenbogens. Das bedingt eine eingehende Bewegungs- und Technikanalyse des Golfschwungs.
Der Verfasser ist seit 1989 Freizeit-Golfer (derzeitiges Handicap 9.9) und seit über 30 Jahren national und international in der Sportphysiotherapie tätig. Seit dieser Zeit sind bei der Befunderhebung von Patienten mit Schulterbeschwerden aufgrund ihres Golfspieles folgende Gründe für entstandene Schulterprobleme aufgefallen:

1. Überbelastung aus beruflichen Gründen, oder auch herrührend aus anderen Sportarten, die überwiegend „über Kopf“ ausgeführt werden (z.B. Tennis, Volleyball, Handball, etc.)
2. Folgeschäden, z.B. bei Fußballtorwarten, Skifahrern nach Stürzen auf die Schulter
3. Überbelastung durch zu häufiges Training, vor allem durch Technikdefizite bei Golfanfängern und Freizeitgolfern.
4. Bewegungseinschränkungen aus unterschiedlichen Gründen (z.B. zu geringe Beweglichkeit, Schmerzen durch Arthrose, etc.)

Nach Meinung des Verfassers ist als häufigste Ursache für das Entstehen der sog. Golfschulter der Bewegungsablauf beim Ende des Aufschwungs, Impakt und Durchschwung zu finden.

Die Beschaffenheit der Brustwirbelsäule und Halswirbelsäule ist bei der Befunderhebung mit einzubeziehen. Die Körperhaltung, z.B. eine Kyphose in der Brustwirbelsäule (Rundrücken), und die daraus folgende Hyperextension der Halswirbelsäule ergeben eine Einschränkung beim Aufschwung und im Aussschwung.
Das Acromioclaviculargelenk verändert sich in Richtung Sagittalebene, da sich die Scapula bei der Abduktion einstellt. (1 Jutta Hochschild/2008)
Auch Dysfunktionen in der unteren Halswirbelsäule bis zur oberen Brustwirbelsäule können Auslöser von Schmerzen sein, die in Schulter und Arm einstrahlen.

Anmerkung: 60% der Golfspieler/innen sind 50 Jahre und älter (2DGV 2008). Das Einstiegsalter zum Golfsport dürfte nach Einschätzung des Verfassers wahrscheinlich höher liegen.

Schwungphasen-Anamnesen von Golfschultern

1. Ende des Aufschwungs/Top of Backswing (ToB)

linke Schulter
Die Sternocostal-, Costatransversal- sowie die BWS-Gelenke sollten unbedingt in die Befunderhebung mit einbezogen werden, da im fortgeschrittenen Alter sich eine kyphosierte Haltung der Brustwirbelsäule bildet – der Proband neigt zum Rundrücken. Der Aufschwung wird eingeschränkt.
Dadurch, dass der Proband keine Rumpfdrehung ausführt, drückt er seinen linken Arm zum Brustkorb (Hyperadduktion); dadurch kommt es zu einer Dezentrierung des Humeruskopfes. Die Folge ist eine Verengung im Acromioclaviculargelenk und eine Kompression der Ansatzsehnen des M. supraspinatus und M. infraspinatus mit den darüberliegenden Bursa subacromialis und Bursa subdeltoidea. Außerdem werden die Ligg. Coracohumerale – trapezium-conoideum und coracoacromiale in ihrer stabilisierenden Funktion durch häufiges Überschreiten des Bewegungsausschlages des Oberarms gereizt.
Bei häufigen Wiederholungen kann es zu einer Reizung bzw. zu einer Entzündung des Sehnen- und Bandapparates sowie zu einer Verdickung kommen.

Bei einer Tendinose der Supraspinatussehne, die sich bei einer häufigen schwunghaften Abduktion und Außenrotation bildet, wird die Sehne vermindert durchblutet und die schon beschädigte oder chronisch entzündete Sehne bei weiterer Bewegung durch die Lounge gedrückt. (3 HOCHSCHILD, funktionelle Anatomie/2009)
Dabei wird das Acromioclaviculargelenk verengt; die Bursa subacromialis, und die Ansatzsehne des M. supraspinatus und M. infraspinatus werden unter der Verengung des Schulterdaches und durch das Abbremsen am Ende des Aufschwungs abrupt eingeklemmt. Hierdurch entsteht ein entzündlicher Zustand in diesem Bereich. Nicht selten bilden sich zwischen dem Schulterdach und dem Humeruskopf Verkalkungszustände.

2. Treffmoment Impakt

linke Schulter
Durch häufige Schlagwiederholungen mit zu frühen Bodenkontakten kann es zu Sehnen- und Schleimbeutelreizungen im Schultergelenk kommen. Auch bei harten, abgenutzten Abschlagmatten auf dem Übungsgelände (Driving Range) können solche Symptome entstehen.

Nicht zu unterschätzen ist der Fall, auf unebenem Gelände, aus dem hohen Gras oder Gestrüpp (Rough) den Golfball zu schlagen, und dabei unter einer Wurzel, auf einen Stein oder im dichten Rough abrupt abzustoppen. Hierbei wird die ganze Dynamik der Gewichtsverlagerung und der Rumpfdrehung in Richtung Ziel abgestoppt. Dadurch wirken enorme Kräfte auf das Schultergelenk, die sogar zu einer Schultereckgelenksprengung führen können. Wird zusätzlich, aufgrund der misslichen Lage des Balles, versucht, mit dem rechten Arm dem Golfschlag noch mehr Kraft zu geben, ist auch der rechte M. biceps brachii gefährdet und es kann zusätzlich zu einem Abriss der rechten langen Bicepssehne (caput longum) kommen.

Beim Abschwung entsteht mit richtigem Timing in der Abwärtsbewegung ein Peitschen-Effekt, der den Schläger mit minimalem Aufwand schnell macht. Das erfordert das Beugen der Handgelenke im zweiten Drittel des Abschwungs.

3. Durchschwung bis Finish

Bei Golf-Anfängern macht die Hüfte aufgrund fehlender Rotationsbewegung den „Armen beim Durchschwung nicht Platz“. Die Hände werden dadurch sehr schnell um den Rumpf geschwungen, es entsteht der sogenannte „fliegende Ellbogen“ auf der linken Seite beim Ende des Durchschwungs (Finish). Dieser Vorgang ist bei weitem der häufigste Auslöser von Schmerzen. Die hohen Beschleunigungen erzeugen in der Schulter hohe Belastungen. Die Zeitdauer vom Beginn des Abschwungs bis zum Treffmoment des Balles ist je nach Technik und Können des Golfsportlers unterschiedlich, und dauert ca. 0,25-0,35 Sekunden (4COOPER 1974). Auch das abrupte Abbremsen mit dem linken „fliegenden Ellbogen“ ist der Auslöser von Belastungsspitzen im Schultergelenk, aber auch im Sehnen-, Band- und Muskelapparat.

Nach einem ausführlichen Gespräch und Findung der Ursachen der Beschwerden durch funktionelle Tests der Schulterregion kann der Golf-Physiotherapeut (Physiotherapeut mit golfspezifischer Ausbildung) eine golfspezifisch funktionelle ausgerichtete Behandlung einleiten.

 

 

Literaturverzeichnis:
1JUTTA HOCHSCHILD/2008, Strukturen und Funktionen begreifen/S. 109Thieme-Verlag)
2Deutscher Golfverband (DGV)/2007 Statistiken
3JUTTA HOCHSCHILD, funktionelle Anatomie/2009)
4COOPER 1974Golf-Physio-Trainer.eu/2009
GolfPhysioTherapeut Skript 2009
SportMed-Prof 3D Animation „Der präventive, biomechanisch optimierte Golfschwung“ (CH. HAID/D.HOCHMUTH/2004)

Autoren:

 

Dieter Hochmuth

Dieter Hochmuth/ Golf-Physio-Trainer® Head-Instruktor
Sportphysiotherapie des DOSB (Liz. seit 1980)
Am Butzenweg 6
D-92245 Kümmersbruck

Dr. Christian Haid

Ass. Mag. Prof. Dr. Christian Haid
Medizinische Universität Innsbruck
Leiter der Biomechanik an der Orthopädie
Schöpfstr. 41
Innenhof Ost
A-6020 Innsbruck


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