Angst essen Golfer-Seele auf

Dieses Thema des Melodramas von Rainer Fassbinder kommt mir oft in den Sinn, wenn ich mit meinen Golferinnen und Golfern trainiere. Nach fast 50 Jahren Golf habe auch ich persönlich viele Krisen und Situationen erlebt, in denen die Angst vor dem Versagen oder Scheitern groß war. Kaum ein Spitzensportler – und ich bin mit vielen aus diversen Sportarten und Könnensstufen befreundet – hat dies nicht schon erlebt. Aber auch der „Otto Normalverbraucher“ steht, ob er es glaubt oder nicht, vor dem gleichen Problem wie ein Spitzengolfer. Die golferischen Einbrüche eines Tiger Woods haben in meinen Augen wenig mit technischen Problemen zu tun, sondern vielmehr mit dem Umgang der psychischen Anforderungen.

Ein paar Beispiele, wie vielfältig „Angst“ auftreten kann:

Angst vor dem Versagen, Angst den Ball nicht zu treffen, das Loch beim Putten auch aus kurzer Entfernung zu verfehlen, Angst an einem bekannten Hinderniss zu scheitern, Angst vor bestimmten Mitspielern, dem unpassenden Wetter oder Plätzen, diese Reihe lässt sich beliebig lange erweitern.  Bereits aus dem Verhalten von Spielern/innen bekommt man oft Rückschlüsse, wie es um sein Selbstvertrauen bestellt ist.

Wer ständig Schläger, Trainer, Clubs wechselt, wer oftmals Mitspielern Schuld zuweist, all dies und ähnliches Verhalten zeigen hinlänglich, wie unsicher oder ängstlich der Spieler ist.  Sehr oft neigt man auch dazu, sich schon vor einer Runde, quasi eine Entschuldigung zu geben, wenn man sagt: Habe ja nicht trainiert oder kaum gespielt, kenne den Platz nicht, mein Trainer hat den Schwung umgestellt (eine sehr oft getätigte, beliebte Aussage, vor der mir immer graust), oder der Platz, der Regen und der Mitspieler ist unangenehm. Wenn Sie solche negative Gedanken haben, ehrlich, dann ist es besser, an diesem Tage nicht zu spielen. Sie werden nur frustiert sein oder Sie lernen damit endlich umzugehen.

Ich kann mich an eine Runde vor vielen Jahren mit einem Freund (einem bekannten Journalisten und Golfkenner) erinnern, der von Hause aus gerne negativen Gedanken nachhing, als ich während eines Turniers an einem schwerem Par 5 mit einem Holz 5 das Grün attackierte. „Das kannst Du nicht machen, lass“ waren seine Worte. Aber ich war felsenfest überzeugt, ich kann es, auch wenn es taktisch nicht sinnvoll war. Letztendlich klappte es und er schüttelte nur den Kopf über diese Art von Selbstvertrauen.

Ein interessantes Gespräch hatte ich mit einem anderen Freund, den ich in einer anderen Sportart gecoacht habe, der damals sogar in dieser Disziplin Olympiasieger geworden ist, ob er sich noch an diese Tage erinnert? Erstaunlicherweise konnte er mir alle kleinen Details seines Rennens erzählen. Von dem Ort und der Umgebung hat er keine Erinnerung mehr, so sehr war er fokussiert auf sein Rennen. Er nahm sich vor, den Ort in nächster Zeit einmal zu besuchen. Bleibt zu hoffen, dass seine Tochter in die mentalen Fußstapfen ihres Papas treten kann.

Was will ich mit diesen Beispielen sagen?

Legen Sie künftig vielleicht etwas mehr wert auf die Arbeit an Ihrer mentalen Stärke mit einem guten Coach. Lernen Sie mit Druck und „Prüfungsangst“ umzugehen. Viele Spitzensportler aus anderen Sportarten, welche in kurzer Zeit beim Golf verhältnismäßig erfolgreich waren, sind es nicht, weil sie soviel motorisch talentierter sind als Sie. Nein, ich habe festgestellt, diese Personen (und ich trainiere viele erfolgreiche Sportler) schaffen es, bis zu einem gewissen Grade einfach besser mit dem Druck – mit der Angst – umzugehen als Otto Normalverbraucher, auch wenn Sie technisch schlechter sind.

Meine Kritik an dem üblichen Golftraining und Trainerstunden ist, dass diese in der Regel will zu techniklastig sind. Da werden alle möglichen Computerprogramme usw. eingesetzt, mit denen die wenigsten Golfer (bis auf paar Profis), umgehen – geschweige den diese Tipps umsetzen können. Wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass diese Trainingshilfen dem Amateurgolfer eher negativ beeinflussen. Meiden Sie auch die „Trainer-Verkäufer“ welche Ihnen alle möglichen neuen Schläger, Bälle andrehen wollen, mit der „Garantie“ nur diese helfen Ihnen weiter.

Wenn Sie in die Bags der Spitzenspieler schauen, würden Sie überrascht sein, fern von Sponsoring, mit welch „altem“ Gerät diese oftmals zu Werke gehen. Vertrauen Sie einfach Ihrem Gerät und Ihrem Bauch.

Wie kann ich einen Black-out oder die Angst bekämpfen?

Den Black-out erzeugen wir, indem wir uns durch starke Versagensängste in große Anspannung versetzen. Wir reden uns ein, dass es eine große Schande wäre, wenn wir im Spiel versagen, gleich ob ein Anfänger den Ball nicht trifft oder der Profi den Ball anstelle aufs Grün im Wasser versenkt. Durch diese Horrorbilder im Kopf versetzen wir uns psychisch und körperlich in Alarm. Angst und Panik kommen auf. Diese starke Erregung führt dazu, dass sich das Gehirn quasi ausklinkt und sowohl motorisch wie psychisch versagt. Diese Versagenängste entstehen immer durch (ängstliche!) Gedanken und Vorstellungen. Es gibt genügend Beispiele, wie dies auch Spielern vom Kaliber eines Greg Norman, Bernhard Langer (z.B. im Ryder Cup) usw passiert ist, da auch sie nur Menschen sind.

Vermeiden Sie Gedanken wie:

  • Ich darf mir keinen Fehler erlauben. Dazu der empfohlene Hilfsgedanke: Fehler sind kein Beinbruch;
  • Ich muss das Loch in Par spielen, sonst ist es aus! Dazu empfohlene Hilfe:Ich habe gut trainiert, habe auch am nächsten Loch eine weitere Chance;
  • Wenn ich verliere, stehe ich als Versager da! Gedanken umdrehen: Ich habe bereits ganz andere Prüfungen in meinen Leben gemeistert, tolle Schläge gespielt.

Trainieren Sie das „mentale Training“

Mit VORSTELLUNGSÜBUNGEN, denn Ihr Gehirn bemerkt nicht, ob Sie sich etwas nur vorstellen oder ob Sie es tatsächlich erleben. Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie beißen in eine Zitrone. Was ist die Folge? Sie haben Ihr Gesicht verzogen und produzieren mehr Speichel, ohne dass Sie tatsächlich in eine Zitrone gebissen haben. Ergo: diese mentale Beschäftigung reicht aus, um eine motorische Reaktion zu erreichen. Mentales Training besteht aus:

1.      Entspannungsübungen

2.      dem eigentlichen mentalen Training.

Zu 1 (Entspannungsübungen) hier ein paar Tipps: Beginnen Sie am Tag vor einem Golfmatch bereits im Bett mitEntspannungsübungen. Atmen Sie tiefer ein und atmen Sie tief aus, ohne anzuhalten. Dies machen Sie ein paarmal und dann halten Sie den Atmen 6 bis 10 Sekunden an und zählen dabei von 1001 bis 1010 z.B. Wiederholen Sie diese Übung zwei- bis dreimal, bis Sie ruhiger geworden sind.

Suchen Sie sich eine Kleidung aus, die Sie gerne tragen und die sehr bequem ist, in der Sie sich also rundum wohl fühlen.

Nehmen Sie ein leichtes, nahrhaftes Frühstück zu sich – ohne Cola, Nikotin, Milch, Fruchtsäften und stark prickelnden Mineralwasser.

Joggen Sie leicht um Ihren Block und genießen dabei die Umgebung.

Seien Sie rechtzeitig unterwegs zum Start – ohne Hektik. Planen Sie zeitlich Staus o. ä. ein.

Legen Sie in der Fahrt zum Golfplatz Ihre Lieblingsmusik in den CD-Player.

Ballen Sie vor dem Start mehrmals die Fäuste und entspannen sie diese wieder.

Führen Sie Ihre ersten Schläge immer mit einem Ihrer Lieblingsschläger aus.

 

Zu 2 (mentales Training):  Bereits am Abend vor Ihrem Golfmatch erinnern Sie sich beim Einschlafen an besonders gute Runden und Erlebnisse, die Sie hatten. Andre Agassi sagte einmal : „Ich habe mindestens 10. 000Mal im Kopf Wimbledon gewonnen.“ Vor dem ersten Abschlag: Sie stellen sich am Tee vor, wie Sie gestern auf der Driving Range hervorragende Abschläge geschlagen haben. Schließen Sie dazu kurz die Augen und sehen den Ball fliegen.

Wichtig, erinnern Sie sich: Erfolgreiche Menschen sind „Ich kann-Denker“. Denn wenn wir an uns selbst zweifeln, verurteilen wir uns zum Misserfolg und schöpfen unsere Fähigkeiten nicht voll aus. Übernehmen Sie die Verantwortung für Ihr Ergebnis. Niemand außer Sie selbst ist dafür verantwortlich. Niemand hilft Ihnen, kein Trainer, kein Schläger, kein Ball.

Wenn ein Golfer Erfolg hat und er sich bei seinem Trainer bedanken will, dann gibt es diese Antwort: „Es freut mich, dass Du Erfolg hast, aber nur Du bist letztlich dafür verantwortlich, der Trainer hilft nur ein wenig dazu“. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine erfolgreiche, lustvolle und entspannte Golfsaison 2016.heinz-schmidbauer

 

Ihr

Heinz Schmidbauer

Heinz Schmidbauer

Über Heinz Schmidbauer

Der Golfpro Heinz Schmidbauer blickt auf eine 40 jährige Golferkarriere zurück. Der Diplomierte Sportlehrer betreute als Trainer viele internationale Sportstars und arbeitete mit berühmten Sportlern wie Arnold Palmer, Nick Bolletieri und Patrick Ortlieb zusammen. Seine Golferfahrung, auch als ehemaliges Mitglied der European Challenge-Tour, brachten ihn auf alle Kontinente der Erde. Wobei er auf 3 Kontinenten Profiturniere gewann. Auch als Erbauer und Manager zahlreicher Golfanlagen (ua. Golfclub Kobernausserwald, GC Maria -Theresia) machte er sich einen Namen. Er lebt heute vorwiegend in Italien und Österreich.

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