Ist die Etikette im Golfsport verloren gegangen?

Ein langjähriger Freund und anerkannter Regelexperte hat mich vor ein paar Tagen frustriert angerufen: Es kommen in seiner erfolgreichen Kolumne über die Golfregeln viele Fragen über komplizierte Fälle sagt er, aber über Etikette, wie schnelles Spielen, Divots ausbessern, Rücksichtnahme usw. dies interessiere anscheinend heutzutage niemand mehr, es kommen keine Nachfragen.

Dies passt ins Bild, was auch ich nach 50 Jahren Golf bei uns feststellen muss. Besonders fällt mir dieses Fehlen von Etikette auf unseren Plätzen auf, wenn ich aus dem Ausland, wo man keine PE Prüfung oder Handicap 37 – 54 kennt, heimkomme. Wird in klassischen Golfländern Neugolfern bereitwillig und geduldig geholfen, Etikette wird dort großgeschrieben, passiert einem hierzulande folgendes: Zu Besuch auf einer Anlage, begegnete ich einem Golfer, der vor rund 15 Jahren bei mir die Platzerlaubnis gemacht hatte. Er schimpfte wie ein Rohrspatz über das unzulängliche Können einer Golfgruppe, die vor ihm gespielt und ihn behindert hatte. Motto: früher war das alles nicht möglich, die Pros heute unterrichten nicht richtig, usw. Kennen Sie auch solche Aussagen in Ihrem Club?

Ich schaute dem Golfer tief in die Augen und sagte zu ihm: Nach meiner Erinnerung, als Du anfingst bei mir, bist du schon als Supergolfer geboren worden, oder? Du hattest nie Fehlschläge, spieltest immer flott, kanntest sofort alle Regeln und die Etikette! Beleidigt, dass ihn sein alter Pro an seinen Beginn erinnerte, zog er von dannen. Auch wenn man einen Stern am Auto hat, es gibt keine eingebaute Vorfahrt, gleiches gilt auch im Golf, egal welches Handicap man hat, die Rücksicht auf andere, die vermisse ich zunehmend bei uns. Insofern hat mein Freund, der Regelexperte recht.

Früher war alles …

Es liegt mir fern, wie alle in die Jahre gekommenen Leute, die Vergangenheit zu verklären.
Für Freunde der Historie, der erste richtige Golfplatz in Deutschland wurde in Bad Homburg im Jahre 1889 durch Major General Robert William Duff und Colonel Gordon gebaut. Die vielen Erdbewegungen, die man heute durchführt, gab es damals kaum, weil das entsprechende Gerät noch nicht vorhanden war. Also wurde ein Platz ausgewählt, Grüns angelegt und ein paar Bunker platziert. Aus heutiger Sicht wohl alles sehr primitiv. So etwas wie Golfarchitektur nach heutigem Verständnis gab es kaum. Das kam erst später. Nach schottischem Verständnis sind Plätze, die nach der Jahrhundertwende 1900 gebaut wurden, bis heute „ junge Plätze“!

Damit hatte man den ersten Golfplatz auf deutschem Boden und den zweiten (nach Pau in Frankreich) auf dem europäischen Kontinent erschaffen. Der passende Golfclub (Homburger Golf Club) wurde übrigens erst zehn Jahre später, 1899, gegründet. Mit diesen Rückblick in die deutsche Golfgeschichte, als man durch den Einfluss des Golfmutterlandes UK auch deren Golfphilosophie, sprich Regeln und Etikette vermittelt bekam, nach denen dort bis heute traditionell fast unverändert und erfolgreich gespielt wird, fragt man sich, warum man bei uns im letzten Jahrzehnt dauernd an diesen Regeln was geändert hat?

In den Boomjahren der 90er Jahre ist bei uns vieles verloren gegangen. Die Ausbildung, darüber habe ich schon oft geschrieben und das Kartensystem, dass es ja nur bei uns gibt, es ist alles zu kompliziert im Vergleich zum Ausland. Was wurde in den letzten Jahren bei uns im Gegensatz zum Rest der Golfwelt nicht alles probiert und geändert!

CR Wert, HC 54, HC 45 beispielsweise. Was hat es gebracht? Dabei sollten die Verantwortlichen mal in sich gehen und ehrlich sagen, es wäre besser gewesen es so zu lassen, wie es war oder wie es im Rest der Welt ist.
Ist es nicht an der Zeit hier Tabula Rasa zu machen, wenn 2018 die große, weltweite Regelreform und das weltweit einheitliche Handicap-System kommt? Es gibt ja heute sechs verschiedene Handicapsysteme weltweit, wobei das System hier am unbekanntesten ist.

Golf im Jahre 2020

Wollen wir, dass Golf einmal so aussieht?

Oder möchten Deutschland und Österreich wieder ein eigenes, weltweit ansonsten unbekanntes System spielen? Muss man sich wieder in Schottland fragen lassen: „Are you sure you are playing Golf?“ Manchmal erhalte ich Zuschriften von Lesern mit der Frage, warum ich immer so „negativ“ über Golf schreibe?

Golfen wie im Rest der Welt

Meine Antwort, eben weil ich diesen Sport auch nach 50 Jahren immer noch so liebe wie am ersten Tag und weil ich will, dass es so bleibt und die ständigen Änderungen bei uns in den letzten Jahren ehrlicherweise außer Verwirrung nichts gebracht haben. Wenn man jahrhundertelang mit diesen Regeln ausgekommen ist und diese dann unnötiger Weise aufbläht, weil man meint so mehr Golfer zu gewinnen, muss man auch mal zu der Sache stehen und feststellen, es hat nichts gebracht. Lasst uns so spielen wie im Rest der Welt! Durch den Vergleich mit Golf in anderen Ländern fällt es mir eben immer schwer, die hierzulande übliche Praxis zu akzeptieren, wenn man eben weiß, um wieviel einfacher, leichter das Spiel auch gehen kann und wie schön es ist.

Rücksichtnahme, keiner ist als Golfer auf die Welt gekommen, Neugolfer, wie früher bei der Hand zu nehmen, sprich in einem Club durch erfahrene Golfer in das Spiel einzuführen, dies wäre mein Wunsch an Sie, liebe Leser.

Heinz SchmidbauerEin schönes Spiel wünscht Ihnen

Ihr

Heinz Schmidbauer

Es gibt 5 Kommentare

  1. Heiko

    Sehr geehrter Herr Schmidbauer,
    ich kann Ihren Ausführungen nur zustimmen. Es ist, wie in allen Bereichen, eine leider typisch deutsche Eigenschaft, alles perfekt und super gerecht machen zu wollen, alles andere wäre einfach zu einfach.
    Zum Glück hat man z.B. nach langem Hin und Her das unsägliche CSA und CSB wieder abgeschafft – im Fußball gibts bei schlechtem Wetter auch kein Extrator zugesprochen, das ist halt die Tagessituation. Dafür ist es an einem anderen Tag eben wieder Superwetter. Verteilt über die Wochen und Jahre ist dies für alle im statistischen Sinne gleich verteilt.
    Daß jeder mal klein angefangen hat, vergessen sehr viele. Mir ist es schon so ergangen, daß ich mehr oder weniger deutlich von einem Spieler mit Single-Handicap gesagt bekommen habe, daß er eigentlich nur mit seinesgleichen spielt. Einer mit Hcp 30 ist quasi „unter seiner Würde“.
    Und bei den Turnieren sind immer die gleichen Flights beisammen, manchmal könnte man fast meinen, die haben Angst, mal mit wem anderes zu spielen. Wenn hier die Spielleitung nicht konsequent eingreift und für eine „Durchmischung“ sorgt, bleiben diese Gruppen immer unter sich und die Neuen haben kaum eine Chance, von den „Alten“ zu lernen.
    Das mit den Divots und Pitchmarken ist in der Tat sehr ärgerlich. Ich gebe zu, daß ich im Eifer des Gefechtes das auch schon mal vergessen bzw. übersehen habe, dafür habe ich auch schon sehr oft und ohne Klagen frische Divots von den vorherigen Spielern zurückgelegt – diese Zeit ist immer vorhanden, selbst im Turnier. Allerdings ist die Zahl der vergessenen Divots erstaunlich, man könnte nicht vermuten, daß so viele Spieler unter „Vergeßlichkeit“ leiden, für mich ist das eher Bequemlichkeit oder Desinteresse. Immerhin ist es „mein“ Platz, für den ich bezahle und teure Reparaturen schlagen sich letztendlich auch in den Mitgliedsbeiträgen nieder – dieser Zusammenhang ist einigen nur noch nicht ganz klar.
    Und was das langsame Spielen angeht kann ich aus meiner Arbeit als Marshal nur feststellen, daß es sich dabei um etwas eher „wundersames“ handeln muß. Man fährt wegen Stau zu einem Flight, Antwort: „Der Flight vor uns spielt so langsam, wir nicht“. Man fährt zu diesem Flight, Antwort: „Ne wir müssen immer stehen, der Flight vor uns ist Schuld.“ Und so geht es von Flight zu Flight, keiner ist Schuld, keiner sucht Bälle im Aus, keiner gibt seinen Ball im Rough auf, auch wenn klar ist, daß dieser nach dem Auffinden absolut unspielbar ist und man mit dem provisorischen viel weiter kommt, keiner stellt sein Bag/Trolley vor dem Grün ab statt gleich dahinter in Richtung nächstes Tee, keiner schreibt die Scoreergebnisse auf dem gespielten Grün auf, keiner sucht gefühlte Stunden nach einem Break auf dem Grün bevor er puttet, keiner diskutiert ausführlich auf dem Grün, warum der Par-Put trotz aller Vorbereitung dann doch vorbeigegangen ist, keiner wechselt dreimal den Schläger, um dann die Annäherung doch zu kurz zu schlagen und und und.
    Trotz allem: Golf ist für mich der schönste Sport und ich will ihn mir einfach nicht vermiesen lassen. Ich für meinen Teil möchte mich auf jeden Fall bemühen, daß das auch in Zukunft so bleibt. Und für zukünftige Regeländerungen wünsche ich mir, daß es einfacher wird und nicht noch komplizierter.

    1. Schmidbauer

      Hallo Herr Heiko,
      Servus Hubert
      vielen Dank für Eure Anwort. Der Artikel hat anscheinend den Nerv getroffen. Es freut mich wenn Ihnen meine Kolumne hier gefällt. Gerne nehme ich Sie auch in meinen Verteiler auf, wenn Sie daran interessiert sind. Unterstützung für die vielen Undinge im Golf sind willkommen.
      Besten Gruss
      Euer
      Heinz Schmidbauer
      https://inklupedia.de/wiki/Heinz_Schmidbauer_(Golfer)
      https://www.facebook.com/heinz.schmidbauer bgl-golf@bgl-net.de

  2. Hubert

    Lieber Heinz,

    Besser und deutlicher wie Du kanns keiner SAGEN!

    Genauso wie Du schreibst, versuche ich in meinem Club zu arbeiten.
    Besonders in meiner Funktion im Club bin ich verpflichtet, besonders Neulingen – egal ob jung oder alt – zu helfen bei ihren ersten Schritten, als Mitglied einer Gruppe von Leuten die sich noch zu benehmen wissen (Sarkasmus nicht ausgeschlossen) beim schönsten Sport der Welt.

    Es wäre besonders für die Jugend eine Möglichkeit wieder ein bisschen mehr „Benehmen, Rücksichtnahme, Freude teilen, neue Bekanntschaften zu machen, Achtung“ zu lernen.

    Ich hoffe, dass sich viele Clubverantwortliche deine Zeilen zu Gemüte ziehen und vielleicht mithelfen können das Ruder doch schneller als gedacht in die richtige Richtung zu bringen.

    Ich hoffe wir werden uns bald mal wieder auf einen Golfplatz sehen.

    LG
    Hubert

  3. Ulric Thiede

    ich bin durch einen Freund bei my golf auf diesen Link aufmerksam gemacht worden und habe dann gleich einige Seiten aufgeblättert. Was Sie über die verlorengegangene Etikette geschrieben haben, das ist mit großem Abstand das Beste, was ich in den letzten 20 Jahren gelesen habe. Ich kann auch nur aus vollem Herzen dem zustimmen, was sie zu unserer deutschen Regelungswut mit CSA und Hcp – 54 und ähnlichem Kroppzeug ausgeführt haben. Warum wird keine Etikette mehr wie noch in den 70-er Jahren gelehrt? Nach meiner Beobachtung liegt es daran, daß die Pros, die ja früher ausnahmslos von den Clubs bezahlt wurden, ihren Golf-Schülern eben nicht nur die Golf-Technik, sondern auch grundlegendene Kenntnisse der Golf-Regeln inkl. der Etikette vermittelt haben. Seitdem die Pros nahezu überwiegend aber nur als „Selbständige“ beschäftigt werden, damit der Club keine Sozialbeiträge abführen muß, können sie nicht anders, als dem Schüler das Golfen beizubringen. Für Regel und Etikette bezahlt aber der Schüler nichts, und der Golfclub will dafür auch nichts ausgeben. Regelabende für alle waren früher die Regel, heute sind sie nahezu ausgestorben. Wir können die Golf-Welt aber nicht ändern, und so bleibt uns nur der Trost, daß der kundige Golfer dem unkundigen Neuling bei Regeln und Etikette selbstlos hilft, auch wenn ihm dies nicht immer gedankt wird.

    Weiter so, Herr Schmidbauer!
    Gruss vom Teuto
    ulricus

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