Vom unersättlichen Auge – gehört und aufgeschrieben

„Manntje, Manntje, Timpe Te, Buttje, Buttje in der See, mine Fru, de Ilsebill, will nich so, as ik wol will.“ Wer kennt nicht die Fabel vom Fischer und seiner nie zufriedenen Frau. Gestern nun hörte ich eine andere Variante der Unersättlichkeit, nämlich eine Fabel aus der Welt der Zigeuner, die ich sinngemäß niedergeschrieben habe. Ein Fischer fuhr jeden Tag mit dem Boot auf den See hinaus, warf seine Angel aus und fing stets große Fische. Und jeden Tag ritt der König mit seinem Gefolge am See vorbei, König und Fischer grüßten sich ehrerbietig. Doch eines Tages bemerkte der König die Enttäuschung im Gesicht des Fischers, dessen Gruß nicht mehr so fröhlich klang, wie sonst.

Was er denn habe, fragte der König. „Herr“, antwortete der Fischer, „seit Tagen werden die Fische, die ich fange, immer kleiner, immer kleiner“, seufzte er. Den König betrübte die Trübsal des Fischers und er rief ihm zu: „Wirf die Angel aus und rufe, es ist für den König. Mit dem Fang kommst Du dann zu mir und ich werde ihn in Gold aufwiegen.“

Der Fischer tat, wie ihm geheißen, warf die Angel aus und rief: „Es ist für den König!“ Da zuckte etwas an der Leine und er zog sie ein. Am Haken hing etwas, was aussah wie ein Knopf. Mutlos nahm der Fischer den Fang und ging zum Schloss. Der König bedeutete ihm, seinen Fang in eine der Waagschalen zu legen und seine Diener forderte er auf, zunächst vier Golddukaten in die andere Schale zu legen. Doch die Waage rührte sich nicht, der Knopf blieb unten. Der König orderte die nächsten vier Goldstücke, wieder keine Reaktion. Dann ein letzter Versuch, der auch ergebnislos blieb.

Daraufhin befahl der König seinen Ratgebern, die Ursache für das Phänomen zu ergründen. Sie fanden nichts heraus, wie das bei Ratgebern so ist. Da erinnerte er sich an einen weisen Mann, der einsam im Walde lebte. Ihn ließ er holen. Der Weise umrundete die Waage, blickte angestrengt auf den vermeintlichen Knopf, rieb sich die Nase und beschied dem König auf dessen Drängen: „Das ist ein Auge!“ „Aber wieso ist das Auge denn schwerer als die vielen Golddukaten?“, fragte der König. Der weise Mann blickte ihn lange an, bevor er sagte: „Weil das Auge unersättlich ist.“

Der König war ob dieser Weisheit betroffen, fragte, wann das denn aufhöre. „Erst wenn Erde darüber gedeckt ist“, antwortete der Weise. Der König gab dem Fischer das Gold aus der anderen Waagschale – versprochen war versprochen.

Ich wünsche einen schönen ersten Advent.

Euer Friedrich Schröder